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Mythos "Kampf der Kulturen"

Von Markus Rapp

Politik

Die Gefahr eines neuen "Antisemitismus der heutigen Zeit" sieht der Vatikan in der wachsenden polarisierenden Abstempelung des Islam als "Terrorismus", vor einer Vorverurteilung warnt Frankreichs Premier Lionel Jospin, Intellektuelle und Politiker rufen zur Besonnenheit auf. Die in Amerika so beliebte Einteilung der Welt in Gut und Böse muss sich auch an der Frage messen, warum zum Beispiel die afghanischen Taliban unter amerikanischen Fittichen groß geworden sind und welche vom Westen unterstützten "Freiheitskämpfer" diesen Namen jemals verdienten.


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Unter den Staaten, die Terroristen unterstützen, und denen nunmehr Bestrafung droht, befanden sich nämlich - zumindest in der Vergangenheit - auch die USA. Saddam Hussein etwa, beinahe der einzige, der sich über die Terroranschläge auf New York und Washington freute, wurde jahrelang von den Amerikanern als Gegengewicht zum Iran aufgebaut. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in ihrem Kommentar und der britische Militärinformationsdienst "Jane" am Mittwoch zu bedenken gaben, wird sich ab nun wohl ein anderes Verhältnis beispielsweise zu der albanischen UCK zeigen müssen.

Interessengeleitete Politik

Dass Interessenlagen und nicht der Kampf zwischen Gut und Böse oder gar Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" die Politik bestimmen, müsste George W. Bush eigentlich wissen - als Anhänger jener von Henry Kissinger definierten "realistischen" US-Außenpolitik. Dass es auch Interessen sind, welche ihm Russland und China nunmehr als Bündnispartner zuspielen, nämlich der Kampf gegen abtrünnige und aufmüpfige Muslime im eigenen Machtbereich, scheint unter der Wucht der Bilder und Ereignisse vergessen. Eine große Koalition gegen eine anti-westliche Verschwörung durch den Islam ist schon deshalb Unsinn, weil die wichtigsten erdölexportierenden Länder im Persischen Golf entschieden von den USA abhängig sind. Saudi-Arabien etwa, Heimat des Hauptverdächtigen Osama bin Laden, versteht sehr wohl, seine Interessen zu wahren. Desgleichen Yasser Arafat, der den Bogen nicht überspannen will und dessen Schock über den Terror äußerst glaubhaft ist. Nicht zuletzt ist die Türkei ein wichtiges NATO-Mitglied.

Kriegswarnung

Der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt rechnet in der Hamburger "Zeit" mit Krieg, sollte sich die Beteiligung eines Staates an den Anschlägen aus den Ermittlungen ergeben. In dieser Situation ruft er Europa und die USA auf, "kühle, abwägende Vernunft zu wahren." Doch ein Krieg, in dem Bodentruppen eingesetzt werden, ist im Westen fast schon unmöglich geworden.