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Mythos Kosovo

Von Martyna Czarnowska

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Serbiens Staatspräsident fordert seine Landsleute zu mehr Realismus gegenüber dem Nachbarland auf.


Das Gras ist sonnenverbrannt, die Amseln segeln über die Äcker. Ansonsten regt sich nichts auf Kosovo polje, dem Amselfeld inmitten des kleinen Balkanlandes. Trotzdem klettert ein KFOR-Soldat auf den Turm, der zur Erinnerung an die Schlacht zwischen serbischen und osmanischen Truppen vor mehr als 600 Jahren errichtet wurde. Oben angelangt, packt er seinen Feldstecher aus und späht lange in die menschenleere Umgebung.

Schlachten werden im Kosovo nicht mehr geschlagen, doch Nato-Einheiten sind dort noch immer stationiert. Und manchen Serben, die hunderte Kilometer entfernt leben, gilt das Amselfeld bis heute als Argument dafür, dass das Gebiet urserbisch sei und die Unabhängigkeit des Kosovo niemals anerkannt werden dürfe.

Aleksandar Vucic scheint das nicht mehr so dogmatisch zu sehen. Der frühere serbische Premier und jetzige Staatspräsident forderte seine Landsleute dazu auf, sich mit dem Verlust abzufinden. Es sei an der Zeit, nicht mehr den Kopf in den Sand zu stecken, sondern realistisch zu sein, schrieb er Ende Juli in einem Beitrag für die Zeitung "Blic". Eine Lösung für den Kosovo liege nicht "in unseren Mythen und Kämpfen". Sie werde daher eine Änderung des kollektiven Bewusstseins der Serben verlangen.

Die Debatten, die Vucics Text ausgelöst hat, sind bis heute nicht verklungen. Zwar sehen die meisten Serben andere Probleme als die Unabhängigkeit des Kosovo als weit wichtiger an. Dennoch hat es bisher kaum ein Politiker gewagt, die ehemalige südserbische Provinz offen als verloren zu bezeichnen.

Ob es bei Worten bleibt oder tatsächlich ein Durchbruch in den nachbarschaftlichen Beziehungen folgt, ist freilich offen. Im Kosovo wurde die Botschaft jedenfalls gerne vernommen. Doch gibt es auch dort derzeit andere Herausforderungen. Fast zwei Monate nach den vorgezogenen Wahlen konnte noch immer keine Regierung gebildet werden. Mehr noch: Das Parlament schafft es nicht einmal, sich zu konstituieren. Dabei läuft die Frist dafür bereits kommende Woche aus.

Bei ihren Beratungen am Freitag konnten sich die Parteien aber nicht auf einen Termin für die Fortsetzung der konstituierenden Sitzung einigen. Bei dieser müsste ein neuer Parlamentspräsident gewählt werden, den der Wahlsieger nominiert. Allerdings konnte die sogenannte PAN-Koalition noch nicht die für die Kür nötigen Stimmen im Abgeordnetenhaus sammeln. Das Bündnis, das aus der Demokratischen Partei (PDK), der Allianz für die Zukunft (AAK) und Nisma besteht, hat 39 der 120 Mandate in der Volksvertretung gewonnen. Alle drei Gruppierungen sind von früheren Kämpfern der Kosovo-Befreiungsarmee UCK dominiert.

Ohne Parlament kann es auch keine Regierungsbildung geben. Und falls es den drei Parteien doch gelingt, ein Kabinett zu fixieren, könnte dieses ein Mann anführen, der äußerst umstritten ist. AAK-Vorsitzender Ramush Haradinaj musste sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten und wurde erst heuer erneut in Frankreich verhaftet - wegen eines serbischen Haftbefehls. Seine Ernennung zum Premier könnte für die Normalisierung der Beziehungen zu Serbien neue Hürden schaffen.