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Mythos statt Pragmatik

Von Gerhard Lechner

Europaarchiv

Ein bisschen war’s wie damals, im November 2004, als die Demonstranten der Oppositionellen Julia Timoschenko ein "Julia, wir lieben Dich!" zuriefen: "Ich liebe nur Dich" und "Wir vertrauen Dir" hießen zwei Lieder, die für Timoschenko bei ihrem heurigen Wahlkampfauftakt von Schlagergrößen geträllert wurden. Als dann noch eine Kindertruppe auftanzte, flossen die Tränen reichlich.


Kritische Beobachter sehen eben diese Tendenz zur Nationalromantik - bei Timoschenko der bäuerliche Haarkranz, die Liebe und der Glaube; bei Juschtschenko die Fixierung auf die ukrainische Vergangenheit - als eines der größten Probleme der Ukraine an. Während das Land in Wirklichkeit unter ein paar oligarchischen Familien aufgeteilt sei, biete die Politik nur Show. "Gut entwickelt sich bei uns nur das, was nichts mit dem Staat zu tun hat", schreibt die "Ukrajinska Prawda". Der Staat werde abwechselnd als Selbstbedienungsladen missbraucht und als Projektionsfläche für nationale Ideale überhöht.

Von Juschtschenko hätten sich viele erwartet, dass er mit der grassierenden Korruption aufräumt und eine Ordnung nach westlichem Muster etabliert. Nach dem Dioxinanschlag im Wahlkampf 2004 entwickelte sich der einst so besonnene Pragmatiker allerdings mehr und mehr zum obersten Geschichtelehrer und Erzieher seiner Nation. Dazu kommt, dass seine Politik der Westöffnung den Ukrainern auch nicht die erhoffte Reisefreiheit gebracht hat: Die Tore nach Europa blieben hinter dem Schengen-Raum fest verschlossen.