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Nach 2449 Tagen endlich am Ziel

Von Walter Hämmerle

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Donnerstag war zweifellos ein Feiertag für den SPÖ-Chef - wenngleich nicht frei von Schattenseiten. | Gezählte 2449 Tage musste sich Alfred Gusenbauer seit seiner Wahl zum SPÖ-Vorsitzenden am 28. April 2000 gedulden, bis er sein - wie es die geschickt gesponnene Legende wissen will - Sandkisten-Lebensziel erreicht hatte: Bundeskanzler!


Gusenbauers großer Tag glich dabei - wie auch seine fast sieben Jahre dauernde Odyssee zu diesem Ziel - einer emotionalen Achterbahnfahrt. Schon um 6 Uhr morgens sorgte ein Weckkommando aus Studenten und SPÖ-Jugendgewerkschaftern für den entsprechenden Krach vor der Wohnung in Wien-Neubau. Farbbeutel und Wurfgeschosse flogen, Beamte vom Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung mussten ausrücken, eine Person wurde vorläufig festgenommen. Nur unter Polizeischutz konnte der SPÖ-Chef sein Haus verlassen, um nach Heiligenstadt zum Interviewtermin beim reichweitenstarken Ö3-Wecker zu gelangen.

Wütende Demonstranten empfingen Gusenbauer auch bei seiner Ankunft am Ballhausplatz. Nach der Angelobung und einer ersten Sitzung des Ministerrates übergab der scheidende Bundeskanzler Wolfgang Schüssel seine Amtsräume an den Nachfolger. Anders als bei allen anderen Übergaben blieben die Medien hier jedoch ausgesperrt. Für die Journalisten endete dieser Tagesordnungspunkt überhaupt höchst abrupt: Mit einem mehr als saloppen "Und tschüss!" wurden sie von einem Mitarbeiter des Bundespressediensts des Saales verwiesen.

Am frühen Nachmittag dann die erste Bürobesprechung der engsten Gusenbauer-Mitarbeiter, um 15 Uhr versammelten sich sämtliche Mitarbeiter, um ihren neuen Chef kennenzulernen. Zum Tagesausklang versammelte sich dann noch die Riege der SPÖ-Minister am Abend zu einer fraktionellen Sitzung.

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Eigentlich würde man annehmen, in der SPÖ herrsche dieser Tage eitel Wonne: Nummer eins samt Bundeskanzler - was will man mehr? Die Anzahl und Heftigkeit der Proteste aus den eigenen Reihen gegen die Ressortverteilung und Inhalte des Regierungsübereinkommens mit der ÖVP drücken jedoch sichtlich auf die Stimmung der roten Spitzenfunktionäre. Offensichtlich hatte man sich hier daran gewöhnt, dass immer nur gegen die anderen kameragerecht demonstriert und protestiert wird.

Dennoch ist es irgendwie erstaunlich, wie sehr sich eine gestandene und professionelle Partei von einigen hundert Aktivisten ins Bock shorn jagen lässt. Zum Beispiel beim alljährlichen Neujahrsempfang zu Wochenmitte. Statt dem künftigen Kanzler einen triumphalen Empfang zu bereiten, gab es keine warmen Begrüßungsworte und nur wenige Sekunden mauen Applaus. Jugendliche Cheerleader und jubelnde Gusi-Fans - wie sie längst zum kleinen Einmaleins modernen Parteimanagements gehören, um den Anti-SPÖ-Parolen vor der Tür zumindest im Inneren Paroli bieten zu können - fehlten überhaupt.

Ganz anders die ÖVP: Die sorgt auch nach Ende des Wahlkampfs weiter für die richtige Inszenierung: Am Donnerstag durften sich lediglich die ÖVP-Minister über Blumen und aufmunternde Transparente einer kleinen Schar von Parteigetreuen freuen.