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Nach Blut soll Öl fließen

Von Jan Richards

Politik

Noch ist die politische Zukunft Afghanistans mehr als ungewiss, aber für die erhoffte stabile "Zeit danach" gibt es bereits konkrete Pläne: Etwa für die Errichtung einer Pipeline, die Öl und vor allem Gas aus Zentralasien durch Afghanistan nach Pakistan und Indien transportieren soll.


Schon am 22. Oktober dieses Jahres hatte sich der turkmenische Präsident Saparmurat Nijasow nach einem Treffen mit dem stellvertretenden UN-Generalsekretär Kenzo Oshima stark für dieses Pipeline-Projekt gemacht und erklärt, die Verwirklichung der Idee würde "helfen rasch die Normalität in Afghanistan" wieder herzustellen.

Auch der pakistanische Botschafter in Moskau, Iftihar Murshed, meinte in Interviews in russischen Medien, dass "ein Schlüssel zur Lösung der afghanischen Krise die wirtschaftlichen Fragen sind. Die Errichtung der schon lange geplanten Pipeline könnte viele ökonomische Probleme der Region lösen helfen."

Die Hauptinteressenten halten sich bedeckt

Die anderen Hauptinteressenten an diesem Projekt halten sich bisher freilich ziemlich bedeckt - aus verständlichen Gründen: Es sind dies Russland und die USA sowie die internationalen Öl- und Gaskonzerne.

Die Idee dieser Pipeline ist inzwischen schon zehn Jahre alt und wurde in Aschkabat geboren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, begann das unabhängig gewordene Turkmenistan davon zu träumen das "Gas-Kuwait" nicht nur der Region, sondern der ganzen Welt zu werden. Nicht ganz zu Unrecht, immerhin sitzt das Land auf 8 Trillionen Kubikmeter hochwertigen Gases, was ca. 30 Prozent der globalen Reserven sind.

Das Problem des unabhängigen Turkmenistan war und ist freilich - es kann seine Schätze nur über die bestehenden Pipelines an die Konsumenten heranbringen und die Pipelines laufen ausschließlich über russisches Territorium. Russlands mächtiger Gaskonzern, die Gazprom, legte sich daher anfangs der 90er-Jahre quer, der damals noch im Staatsbesitz befindliche "blaue Gigant" wollte die Turkmenen in Westeuropa eben nicht als Konkurrenten im Gasgeschäft haben.

Das war die Geburtstunde des Pipeline-Projektes durch Afghanistan. Die argentinische Firma Bridas, die schon 1992 und 1993 Lizenzen für die Exploration und schließlich Ausbeutung turkmenischer Gasfelder erhalten hatte, legte 1994/1995 einen fix und fertigen Plan samt Machbarkeitsstudie vor. Demnach sollte die Strecke von den turkmenischen Gasfeldern über südafghanisches Territorium (Herat streifend, dann nach Kandahar) zum pakistanischen Hafen Chaman führen. Von dort sollte einerseits ein Distributionsnetz zu den Ballungszentren Pakistans aufgebaut und gleichzeitig eine riesige Verflüssigungsanlage errichtet werden; somit wäre der Transport des verflüssigten Erdgases Richtung Südostasien, vor allem Japan und China, möglich. Auch eine Weiterleitung des Gases mit einer eigenen Pipeline nach Indien war ins Auge gefasst.

Nun erwachte auch starkes Interesse in Islamabad an diesem Projekt. Und im kasachischen Fernsehen hat der frühere afghanische Premier erst unlängst (am 29. Oktober) offen zugegeben, dass Pakistan anfänglich vor allem deswegen das Taliban-Regime gestützt hätte, "um Kontrolle über die möglichen Transportrouten von den zentralasiatischen Öl- und Gasfeldern" zu gewinnen.

Übrigens - auch China signalisierte Interesse an dem 2 Milliarden-Dollar-Projekt. Immerhin sollte die damals projektierte Pipeline eine Million Kubikmeter Erdgas täglich liefern.

Texanische Unocal bootete argentinische Bridas aus Mitte der 90er-Jahre herrschten in Afghanistan relativ stabile und friedliche Verhältnisse. Turkmenistans Präsident Nijasow sah sich nach Verbündeten um und brachte die Idee bei seinen wiederholten Besuchen in Washington in Vorschlag. Er konnte schließlich eine US-Firma für das Projekt gewinnen - die texanische Unocal, welche die argentinische Bridas ausbootete und 54 Prozent in dem Pipeline-Konsortium erwarb, während 46 Prozent von der turkmenischen staatlichen Gasgesellschaft gehalten wurden.

Mittlerweile hatten sich freilich die Voraussetzungen für das Projekt dramatisch geändert: 1996 eroberten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul und so hatten es die Konsortiumsmitglieder plötzlich mit einem neuen und reichlich unberechenbaren Partner zu tun. Laut Mike Thatcher von Unocal "haben wir damals sowohl mit den Taliban als auch der Nordallianz Kontakt gehalten. Wir wollten einfach wissen, wann der Krieg in Afghanistan enden würde und ob wir nach Financiers Ausschau halten sollten."

Aber das Taliban-Regime zeigte den Amerikanern die kalte Schulter und die Nordallianz verfiel zunehmend in Bedeutungslosigkeit. Als Terrorchef Osama bin Laden 1996 nach Afghanistan zurückkehrte und von dort aus 1998 die Anschläge auf die US-Botschaften in Tansania und Kenya organisierte, "kam Unocal unter Druck," wie es ein Diplomat in Washington formuliert. Zwar wurde weiterhin gegenüber Turkmenistan Interesse bekundet, "aber das war gelogen," so die Quelle in Washington, die von der russischen Website Strana.ru ohne Namen zitiert wird. Auch die Entwicklung des Ölpreises (mit dem der Erdgaspreis gekoppelt ist) ließ das Projekt unwirtschaftlich erscheinen - damals rutschte der Ölpreis von 25 auf 13 Dollar pro Barrel.

Jetzt, da ein befriedetes und stabiles Afghanistan immerhin möglich erscheint, gibt es naturgemäß neues Interesse an dem alten Projekt. Die Interessenten halten sich aber verständlicherweise bedeckt, sie wollen sich nicht vorzeitig in die Karten schauen lassen.

Offiziell hat die US-Firma Unocal abgewinkt. Unternehmenssprecher Thatcher: "Wir haben das Pipeline-Konsortium verlassen, unsere Repräsentanzen in Aschkabat und Islamabad geräumt. Wir sind zu klein, haben zu wenig finanzielle Ressourcen. Zudem haben wir derzeit sicherere Projekte laufen, etwa in China und Indonesien, die uns mindestens für die nächsten fünf Jahre voll in Anspruch nehmen."

Auch die argentinische Bridas, so ergab eine Recherche der "Wiener Zeitung" in Buenos Aires, "denkt nicht daran", wieder in das Projekt einzusteigen.

Gerüchte, wonach die russische Gashandelsfirma Itera Interesse daran habe, Anteile in dem Konsortium zu erwerben, werden vom Unternehmenssprecher Sergei Swistunow gegenüber der "Wiener Zeitung" dementiert: "Wir waren niemals und sind auch jetzt nicht in dieses Pipeline-Projekt involviert gewesen, noch daran interessiert. Aus unserer Sicht wird die praktische Umsetzung dieses Projektes auch in vorhersehbaren Zukunft nicht möglich sein." Außerdem seien die Interessen von Itera darauf gerichtet, turkmenisches und kasachisches Erdgas auf den westlichen Märkten zu verkaufen, und zwar über die neuen und alten Pipelines am Kaspischen Meer.

Nur Dementis allerorten ? Das stimmt skeptisch. V.R. Raghavan, ehemals General der indischen Armee und heute ein strategischer Ölexperte, ist überzeugt, dass ein "langfristiges Interesse der USA besteht, sich in diesem Raum Einfluss auch auf die Öl- und Gasreserven zu sichern."

Auch in der "Military Review", dem Journal der US-Armee, heißt es in einem Artikel zu diesem Thema: "Wenn (amerikanische) Ölfirmen Pipelines vom Kaukasus oder von Zentralasien aus bauen, um Europa oder Japan mit primären Energieträgern zu versorgen, so hat das strategische und auch militärische Implikationen."

Der britische TV-Sender "Channel Four" ließ seinen Kommentator Liam Halligan sagen: "Der Golfkrieg wurde nicht nur, aber auch wegen des Öls geführt. In diesem Sinne ist die Frage der Sicherung der Ölressourcen auch dem Kampf um Afghanistan als Subtext unterlegt."

Geheimverhandlungen der USA mit Taliban-Regime

Und die ehemaligen französischen Geheimdienstoffiziere Charles Brisard und Guillaume Dasquie haben in einem jüngst erschienenen Buch minutiös und überzeugend dargelegt, welche Interessen die US-Regierung an einer Pipeline-Lösung durch Afghanistan hatte und hat; Washington führte vor dem 11. September sogar darüber geheime Verhandlungen mit dem Taliban-Regime. Belegt ist ein Treffen zwischen Christine Rocca aus der Asien-Abteilung des US-Außenminusteriums mit dem Taliban-Botschafter in Pakistan am 2. August dieses Jahres.

Und weil dieses US-Interesse natürlich Moskau bekannt ist, gibt es auch Hinweise darauf, dass - ungeachtet aller Dementis - auch die Russen beim großen Öl- und Gaspoker rund um Zentralasien und Afghanistan mitmischen wollen und werden.

Literatur zum Thema:

Ahmed Rashid: Taliban; Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia. New Delhi 2001

Charles Brisard und Guillaume Dasquie: Bin Laden, La Verite Interdite. Paris 2001

US Interests in the Central Asian Republics: Testimony of John Maresca, Subcommittee on Asia and the Pacific, Committee on International Relations, House of Representatives, Washington, DC., February 12, 1998

Oil Politics in Central Asia by Ted Rall (Alternet, October 11, 2001)