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Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel

Von Hermann Sileitsch

Analysen

Es ist so paradox wie bezeichnend: Europas wirtschafts- und fiskalpolitische Integration muss wegen der Briten mittels Nebenabsprachen und einzelstaatlichen Verträgen vorangetrieben werden; an allen Institutionen vorbei. Dennoch feiert die EU den Gipfel als Meilenstein - der er aus europapolitischer Sicht wohl auch ist.

Größer könnte die Diskrepanz dennoch kaum sein: Investoren in Übersee haken den EU-Gipfel als Nullergebnis ab. Dass ein weiterer Krisengipfel fällig wird, ist für die Profi-Anleger fix - offen ist der Zeitpunkt: noch vor Weihnachten? Im Jänner? Oder doch erst im Februar, wenn für Italien die wirklich großen Schuldenbrocken zur Umschuldung anstehen?

Europa müsse mehr tun, um die Märkte von seiner Entschlossenheit zu überzeugen, die Krise zu bewältigen, forderte Japans Finanzminister Jun Azumi prompt. Und in den USA sehen sich jene Experten bestätigt, die dem Euro-Experiment noch nie Überlebenschancen eingeräumt hatten.

In dieser feindseligen Stimmung einen Meinungsumschwung zu erreichen ist schwer genug. Europas Führungsriege hat dafür aber auch zu wenig unternommen. Zu glauben, dass mehr Disziplin ausreichen wird, ist naiv: Die Investoren wollen ein Signal tiefer gehender Solidarität, dass Europa für die Schuldenberge gemeinsam einstehen wird.

Viel Zeit für böse Schlagzeilen

Dass das politisch schwer durchsetzbar ist, steht auf einen anderen Papier. Verständlich, dass die Europäer versuchen, so billig wie möglich davonzukommen. Es funktioniert nur leider nicht.

Der etwas schlitzohrige Versuch, das Risiko möglicher Kreditausfälle über den Umweg des Währungsfonds breit zu streuen (und damit vor allem den USA umzuhängen), wird die viel zitierten Märkte nicht besänftigen.

Immerhin gibt Brüssel Gas, bis März 2012 sollen die Details des Vertragswerks stehen: nach EU-Maßstäben ein Höllentempo - aus Finanzmarktsicht eine Ewigkeit. Da bleibt viel Zeit für negative Euro-Schlagzeilen - über innenpolitische Querschüsse, nationale Alleingänge über Rechtsstreitigkeiten bis hin zu negativen Parlamentsvoten (Stichwort Schuldenbremse). Das Ganze garniert mit Problemen einiger europäischer Banken bei der Kapitalbeschaffung und ein paar absurden Gerüchten über Vorbereitungen für eine Währungsumstellung: Fertig ist der explosive Euro-Cocktail.

Während Europas Politiker über Artikeln des EU-Vertrages brüten, wird sich die Abwärtsspirale aus sinkendem Wachstum, steigender Arbeitslosigkeit, Bankenkrise und Vertrauensverlust also weiter drehen. Auf Dauer halten das weder Italien noch der vermeintliche "Euro-Kern" aus.