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Nach dem "historischen" Sieg eint König Fußball das Königreich Spanien

Von Günther Bading

Analysen

Der Tag nach der Fußball-Weltmeisterschaft blieb in Spanien politikfrei. Die sozialistische Regierungspartei sagte alle Termine ab, bis auf den Empfang der Weltmeisterelf. Vermisst hat diese Aktivitäten niemand, denn Spanien befand sich nach den nervenaufreibenden 123 Minuten von Johannesburg und dem ersten WM-Titel seiner Nationalelf im Freudentaumel. Ganz Spanien. Denn das Land ist in einer Form geeint, wie es zum letzten Mal beim Ja zur Demokratie nach dem Tod von Diktator Franco 1975 der Fall war.


Wie lange das anhält, weiß niemand. Aber rund um den "historischen" Sieg über die Niederlande war es überall im Königreich unüberhörbar und nicht zu übersehen. Wer in den Nächten seit Sonntag in Spanien Schlaf suchte, brauchte schon sehr schalldichte Fenster. Unablässig krachten Böller und Feuerwerke, während auf Riesenbildschirmen immer wieder das Siegestor wiederholt wurde. Das alles vor einem Meer rot-gelb-roter Fahnen. "Ich bin Spanier, Spanier, Spanier", sangen die in rote Trikots der Nationalelf gewandeten Millionen Menschen auf spanischen Plätzen und Straßen.

Auch die katalanischen Fußballstars jubelten und waren stolz auf Spanien. So lief Carles Puyol mit der WM-Trophäe in der einen und einer katalanischen Fahne in der anderen im roten Trikot mit dem spanischen Wappen über das Spielfeld und bejubelte Spaniens Größe und Glorie. Mit Nationalismus hatte das nichts zu tun. Puyol ist Katalane, so wie Sebastian Schweinsteiger Bayer ist. Nicht nur in Madrid feierten Unzählige, auch in der baskischen Landeshauptstadt Vitoria, wo die Menschen "Viva España" riefen. Und in Barcelona, in der angeblichen Hauptstadt der Abgrenzung, wo noch am Samstag eine separatistische Massenkundgebung stattgefunden hatte, feierten plötzlich Hunderttausende "ihr" Spanien.

Vergessen schien die alte Rivalität zwischen den Fußballklubs Real Madrid, das Francos Lieblingsverein war, und "Barça", dem Klub der Anti-Franco-Stadt Barcelona und Liebling des heutigen sozialistischen Regierungschefs Zapatero. Sieben Barça-Spieler kämpften in Südafrika für Spanien - gemeinsam mit denen von Real Madrid und anderen Klubs. Besser als tausend politische Reden zeigten sie: Gemeinsam ist Spanien stark.

Fußball ist ein Mannschaftssport. Vielleicht eint er deshalb auch in Spanien die Fans stärker als Einzelsiege von Tennisprofi Nadal in Wimbledon oder Formel-1-Star Alonso. Fußball heißt "Wir" - und das lässt oft jahrhundertealte Rivalitäten von Basken, Katalanen, Galiciern und Andalusiern mit "den Spaniern" aus Kastilien vergessen.

König Fußball regiert, und er eint Spanien heute so stark, wie einst der junge König Juan Carlos, als er vor fast drei Jahrzehnten die Demokratie gegen einen Militärputsch rettete. Heute regiert er, König Fußball. Aber wie lange?