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Nach gelungener Flucht wartet die Trostlosigkeit des Lagers in Italien

Von WZ-Korrespondent Raphael Thelen

Politik

Zu wenige Schlafplätze in fensterlosen Containern, oft kein Wasser und Strom.


Crotone. Langsam rollt der Konvoi der italienischen Integrationsministern Cécile Kyenge durch die Sicherheitsschleuse des Isola- Capo-Flüchtlingslagers im süditalienischen Kalabrien. Die Einfahrt ist gesäumt von einer Doppelreihe stacheldrahtbewehrter Zäune. Dazwischen stehen alle zwanzig Meter Scheinwerfer auf hohen Masten. Der Wind peitscht Staub über die trockene Ebene. Männer und Frauen aus Afrika, Afghanistan und der arabischen Welt beobachten den Auflauf der Journalisten. Soldaten in Tarnuniform und schwarzen Stiefeln bewachen den Eingang.

Italiens erste dunkelhäutige Ministerin ist gekommen, um sich ein Bild von der Lage in Europas größtem Flüchtlingslager zu machen. Aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer Politik ist die im Kongo geborene 49-jährige Politikerin immer öfter rassistischen Attacken ausgesetzt. Ausländerfeindliche Parteien schüren Angst vor der "Flüchtlingsflut", die sich wöchentlich nach Kalabrien und auf die Sizilien vorgelagerte Insel Lampedusa "ergießt", und fordern ein härteres Vorgehen. Migranten werden von der Politik vor allem als Sicherheitsproblem betrachtet. Berichte über Straftaten und Überfremdung dominieren die Medien. Kyenge stellt sich dem entgegen, doch die Widerstände auf allen Seiten sind groß. Mit ihrem Besuch in dem Lager will sie den Medien zeigen, wie die Situation vor Ort ist.

Im violetten Jackett und mit dunkler Sonnenbrille geht sie betont ruhig durch die Zufahrt des Flüchtlingslagers. Sicherheitsleute schirmen sie und die Journalisten von den Migranten ab. Das Lager wurde für 1400 Insassen gebaut. Derzeit sind mehr als 1700 hier. Kyenge will vermeiden, dass die Spannungen eskalieren und Anlass zu negativer Presse geben. Erst vor zehn Tagen brannte bei Auseinandersetzungen ein Gebäude nieder.

Kyenges erstes Ziel ist das Zentrum für Identifikation und Abschiebung im Herzen des Lagers. Erfolglose Asylanträge enden hier. Die schmalen Fenster des sich hoch auftürmenden Gebäudes erinnern an Schießscharten. Am Tag zuvor ist ein Flüchtling in seiner Zelle gestorben -"an einem Herzfehler", wie die Pressesprecherin des Lagers eifrig versichert.

Potemkinsches Dorf fürden Besuch der Ministerin

Weder Kyenge noch die Journalisten bekommen das Zentrum wirklich zu sehen. In einer Wand klafft ein Loch, dass ein Flüchtling hineingeschlagen habe. Weshalb, das wisse man nicht. Stattdessen wird zur Eile angetrieben. Es geht zum Mutter-und-Kind- Zentrum. Ein flacher, freundlicher Bau mit einem Klettergerüst und einigen eilig gepflanzten Blumen davor. Die Erde ist vom letzten Gießen noch feucht. Drinnen wartet ein Dutzend Kinder aufgeregt im Spielraum. Mitarbeiter des Lagers in himmelblauen T-Shirts stehen lächelnd hinter ihnen. Auf dem Tisch liegt ein halb ausgemaltes Bild von Schneewittchen. Die Stifte und Mäppchen neben dem Schneewittchen-Bild sind kaum benutzt, genauso wie die großen Bauklötze. Es fehlen die Abdrücke kleiner, schmutziger Kinderhände.

Die Ministerin tritt in den Raum, umringt von Kameras und Mikrofonen. Dann setzen die vorwiegend dunkelhäutigen Kinder zu einem schiefen Gesang an. Mit freudigem Gesicht schmettern sie die italienische Nationalhymne. Die Hymne des Landes, von dem ihre Eltern träumten und das sie jetzt in Lager sperrt. Durch die großen Fenster sieht man draußen Gruppen von Migranten apathisch im Staub sitzen. Kyenge hört mit versteinertem Gesicht zu. Einige Journalisten fallen begeistert in die letzte Strophe ein und applaudieren zum Abschluss. Für die Kameras tritt auch Kyenge vor, umarmt die Kinder und setzt ein Lächeln auf. Die Mitarbeiter in den blauen Shirts sind begeistert.

1983 kam Kyenge aus dem Kongo nach Italien. Im Kongo wurde ihr aus politischen Gründen verboten, Medizin zu studieren, doch sie erhielt ein Stipendium für Italien. Durch einen Fehler der italienischen Behörden erhielt sie jedoch für ein Jahr keine Papiere. Unverschuldet wurde sie zur Illegalen. Ein Kirchenverein half ihr, eine Unterbringung zu finden. Sie studierte Italienisch und arbeitete als Altenpflegerin. Später machte sie ihren Abschluss als Augenärztin, heiratete einen Italiener und wurde 2004 in Modena für die Linksdemokraten in den Stadtrat gewählt. Bereits hier kämpfte sie für eine freundlichere Immigrationspolitik. Bei den Wahlen vom Februar dieses Jahres zog sie ins Parlament ein und wurde kurz darauf ins Kabinett berufen - eine Vorzeigeitalienerin.

Rassistische Ausfälle der Lega Nord gegen Kyenge

Roberto Calderoli, Mitglied der rechtspopulistischen Lega Nord und Vizepräsident des italienischen Senats, ist einer derjenigen, die das anders sehen. Für ihn sind Flüchtlinge unerwünscht, Internierung und Abwehroperationen der richtige Weg. Kyenges Ernennung ist für ihn schwer erträglich. Mitte Juli sagte er während einer Veranstaltung, dass die Ministerin ihn an einen "Orang Utan" erinnere. Nach einem öffentlichen Aufschrei entschuldigte er sich. Er ließ verlauten, dass er es nicht so gemeint habe: "Ich habe lediglich behauptet, dass Kyenge eine gute Ministerin wäre, allerdings in ihrer Heimat Kongo." Rücktrittsforderungen lehnte er ab.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung wurde Kyenge kürzlich mit Bananen beworfen. Blutbeschmierte Puppen mit der Aufschrift "Immigration tötet" wurden in die Luft gereckt. Eine Parteikollegin Calderolis rief öffentlich dazu auf, Kyenge zu vergewaltigen, damit sie "wisse, wie sich das anfühlt". Kurz zuvor hatte angeblich ein afrikanischer Migrant versucht, eine Italienerin zu vergewaltigen. Die Deutlichkeit solcher Aussagen hat in den vergangenen Monaten zugenommen. Kyenge begegnet den Anfeindungen mit Gelassenheit. Die Bananenwürfe verurteilte sie als Nahrungsmittelverschwendung. Sie weiß, dass politisches Geschrei nicht zu einer Änderung der Situation führen würde. Italien steht noch am Anfang einer aufgeklärten Debatte zum Thema Immigration. Kyenge weiß das und will die Diskussion in Gang bringen. Auch wenn sie dafür zynische Medienspektakel wie die singenden Kinder in Kauf nehmen muss.

Doch Druck kommt nicht nur von ihren politischen Widersachern. Als Kyenge das Mutter- und- Kind-Zentrum verlassen will, blockiert eine Gruppe von Migranten die einzige Zufahrt. Sie wollen die Ministerin nicht eher ziehen lassen, bevor sie mit ihr über die Zustände im Lager sprechen können und die Ministerin auch die Wohncontainer besucht. Sie sind mit ihrer Geduld am Ende. Mediatoren in gelben Warnwesten dringen auf die Demonstranten ein, versuchen sie zu beschwichtigen und versprechen, dass sie angehört werden. Ohne Erfolg. Es kommt zu einem Schreiduell. Gierig umringen die Kameraleute die Szene. Um die Situation zu entschärfen, verspricht Kyenge persönlich den Demonstranten ein späteres Treffen. Zögerlich tritt die aufgebrachte Menge auseinander.

"Die Situation hier ist unerträglich", sagt Osman, ein Migrant, der nur sagen will, dass er aus Westafrika stammt. "Wir haben oft tagelang kein Wasser und keinen Strom. Nur weil die Ministerin heute da ist, haben sie alles geputzt." Über die himmelblauen T-Shirts lacht er nur abgehackt. "Die tragen sie sonst nicht."

Die Migranten leben mit bis zu zwölf Leuten in fensterlosen Schiffscontainern. Entlang der Metallwände stehen zwei Reihen Metallbetten. Dreckige Decken liegen auf den durchgelegenen Matratzen. Nur für zwei Drittel der Bewohner gibt es einen Schlafplatz. Der Rest muss auf dem Boden übernachten. In der Ecke ist eine kleine Feuerstelle, wo sie sich manchmal Essen kochen. Tagsüber heizen sich die Container in der Sonne auf. Die Klimaanlagen sind in Rost erstarrt. "Bis zu 400 Menschen teilen sich fünf Toiletten und Duschen sowie einen Wasseranschluss", sagt Osman. Grünliches Wasser steht in riesigen Pfützen davor. Viele sagen, dass die schlechte Unterbringung und Behandlung Kalkül ist, um zukünftige Flüchtlinge abzuhalten. Offiziell gibt dies keiner zu. Kyenge besucht auch diesen Teil des Camps, doch die Lagerleitung hat dafür gesorgt, dass die Container, die sie sieht, aufgeräumt wurden.

Eigentlich sollen die Flüchtlinge hier im Lager die Chance erhalten, einen Asylantrag zu stellen. Doch viele warten monatelang vergeblich. "Oft klettert ein Verzweifelter dort hinauf", sagt ein anderer Migrant, der seinen Namen nicht nennen will, und deutet auf einen hohen Baum. "Sie drohen runterzuspringen, falls ihnen keine Papiere ausgestellt werden." Meistens werden sie durch Versprechungen davon abgebracht. Gehalten werden diese selten. Darüber hinaus führt die räumliche Enge immer wieder zu Schlägereien zwischen verschiedenen Nationalitäten. Drogenmissbrauch ist weit verbreitet.

Als Kyenge schließlich im klimatisierten Konferenzraum des Verwaltungsgebäudes einige Migranten trifft, warten hunderte weitere draußen am Zaun. Nervöse Soldaten bilden eine Menschenkette. Die Menge schwankt zwischen Applaus und Buhrufen. Es hat sich rumgesprochen, dass jemand Wichtiger im Lager zu Besuch ist. Die Menschentraube vor dem Zaun wächst. Als die fünf ausgesuchten Gesprächspartner nach einer halben Stunde wieder heraustreten, sind ihre Gesichter düster. Auf die Frage, wie das Gespräch war, antworten sie nur "Nutzlos. Nichts." Viel mehr können sie nichts sagen, bevor ein Polizist den Journalisten abdrängt und ihn wegschickt. Auch spätere Versuche, Kontakt mit Migranten aufzunehmen, werden ohne Erklärung unterbunden.

Rangeleien bei der

Abfahrt der Ministerin

Nach dem Gespräch gibt Kyenge eine kurze Pressekonferenz und wird dann wieder zu ihrem Auto geführt. Doch einige Migranten blockieren erneut die Straße. Sie fühlen sich nicht wahrgenommen. Sie wollen nicht mehr warten. Es kommt es Rangeleien. Die Motoren des Autokonvois heulen auf. Ein Mann legt sich vor die Autos. Er wird weggetragen. Polizisten drängen die Migranten ab, drücken sie gegen die hohen Metallzäune. Kyenges Fahrzeug rast davon. Polizisten und Migranten schreien sich gegenseitig an, es kommt zu Steinwürfen. Sofort kommt Verstärkung für die Sicherheitskräfte. Knüppel und Schutzschilde werden verteilt. Ein Migrant fällt bewusstlos zu Boden. Der Rest flüchtet zurück zu den Containern.

Die Bilder von den Auseinandersetzungen erscheinen in den Abendnachrichten. Migranten kommen in den meisten Beiträgen nicht zu Wort.