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Nach Mensch und Maus nun Affen-Gene im Visier

Von Gisela Ostwald

Wissen

Gerade ein Jahr ist es her, dass der Genomforscher Craig Venter die Welt aufrüttelte. Er habe das menschliche Erbgut entziffert, verkündete der amerikanische Unternehmer am | 6. April 2000. Auch wenn er die genetischen Bauteile noch nicht komplett geordnet hatte - seine Errungenschaft wird wie einst die Mondlandung als Eroberung neuen Terrains gefeiert.


Sie ist gleichzeitig der Sieg eines Davids gegen Goliath. Venter schlägt das Human Genome Project (HGP), das internationale Konsortium staatlich finanzierter Genomforscher, in einem Fünftel der Zeit und mit einem Zehntel der Kosten.

Inzwischen ist jedoch der Burgfriede zwischen beiden Lagern eingekehrt. Nach Venters Alleingang im April geben Venter und HGP-Leiter Francis Collins die Entschlüsselung des menschlichen Codes im Juli gemeinsam bekannt. Beide veröffentlichen im Februar 2001 zeitgleich die erste Blaupause vom Menschen in wissenschaftlichen Fachjournalen.

Warum die Maus wichtig ist

Inzwischen vervollständigte Venters Firma Celera Genomics auch die Sequenz des Maus-Erbguts, wie Celera-Sprecher Marc Adams im Februar in Washington bekannt gab, und nimmt sich laut Venter jetzt den Schimpansen vor. Das internationale Konsortium wollte seine Arbeit am Maus-Genom noch im April abschließen. Die Maus hat für Genforscher immense Bedeutung. Das leicht zu haltende Versuchstier soll helfen, die Funktion der menschlichen Gene zu verstehen. Mensch und Maus hatten vor 100 Millionen Jahren die gleichen Vorfahren und haben ein sehr ähnliches Erbgut.

Derweil arbeiten Techniker daran, das Sequenzieren von DNA-Basenpaaren, den Bausteinen eines jeden Genoms, kostengünstiger zu machen. Die Entschlüsselung des genetischen Profils eines einzelnen Menschen dürfte schon im Jahr 2020 zum medizinischen Alltag gehören, wenn sich die Kosten wie bisher pro Jahrzehnt um den Faktor zehn reduzieren ließen. Dann nämlich, schrieb das US-Nachrichtenmagazin "Time", würde die Entzifferung individueller Genome nur noch ein paar Tausend Euro kosten.

Genom für jedermann

Nach Vorstellung von Georg Church, dem Direktor des Lipper-Zentrums für computerisierte Genetik an der Harvard-Universität in Boston, dürften Patienten und Neugierige dann auch in der Lage sein, zu Hause am Computer in ihren eigenen Genen nach Aufschluss über Veranlagungen und Krankheitsrisiken zu suchen. Laut Church passt der Informationsgehalt eines individuellen Genoms problemlos auf eine Computer-DVD-Diskette.

Ob das viel bringt, steht allerdings seit einigen Wochen in Frage. Venter und Collins berichteten im Februar, dass das menschliche Genom nur aus rund 30.000 Genen besteht, nicht einmal einem Drittel der erwarteten 100.000. Damit ist die lang gehegte Vorstellung, dass für jede Krankheit ein bestimmtes Gen verantwortlich ist, laut Venter "durch den Schornstein verpufft".

Neue Richtung Proteomics

Tatsächlich ist wohl alles viel komplizierter. Der menschliche Körper liest seine Gene mehr als einmal ab, um aus ihnen seine - nach Einschätzung von Venter rund 250.000 - Eiweißstoffe zu produzieren. Wie es aussieht, sind diese Eiweißstoffe oder Proteine die eigentlichen Steuermechanismen im menschlichen Uhrwerk. Das erklärt, warum der Austausch einzelner Gene im Rahmen von Gentherapien bisher nicht den erhofften Erfolg erzielt hat.

Das neue Schlagwort ist Proteomics. Darunter versteht man die Katalogisierung und Analyse aller Proteine im Körper. Und wieder ist der Ex-Surfer Venter mit an der Spitze. Über PE Corp., die Muttergesellschaft von Celera Genomics, untersucht er heute Proteinstrukturen, ihre Entstehung in bestimmten Körperteilen und ihre konzertierten Aktionen.

Aus dem 54-Jährigen, der mit seinem unbändigen Ehrgeiz, seinem rasanten Tempo bei der Erbgut-Entschlüsselung und der verletzenden Rhetorik einmal das Schreckgespenst der HGP-Forscher war, ist inzwischen ein anerkannter Partner geworden. Nachdem Venter erst das Genom der Fruchtfliege Drosophila melanogaster und dann das Erbgut des Menschen kostenlos veröffentlicht hatte, war unbestreitbar, dass auch er sich vorrangig der Wissenschaft verpflichtet fühlt.

Beiderseitiger Lernprozess

Dass er seinen Erfolg zum Teil den schon zuvor leicht zugänglichen Daten des HGP verdankt, steht außer Frage. Doch das internationale Konsortium hat auch von ihm gelernt. Es nahm Anleihen an Venters Technologie und nicht zuletzt an seiner Art, wissenschaftliche Materie werbewirksam zu verkaufen. Beim weltgrößten Wissenschaftskongress dieses Jahres, der AAAS-Tagung in San Francisco, war es HGP-Leiter Collins und nicht Venter, der den Durchbruch der Genomforschung in einem lockeren, allgemein verständlichen Film vorstellte.