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Nachbarn, hört die Signale!

Von Gerald Jatzek

Reflexionen

Community-Medien binden das Publikum ein - und bieten Journalisten ein Umfeld zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung.


Sendungsbewusst auf Sendung: Community-Medien als Korrektiv und dritter Sektor.
© Fotolia/Kzenon

Wir hören Radio. Und was hören wir? Vielleicht das: "BCR präsentiert alles, was aus der Kreativszene Berlins kommt, sie durchläuft oder beeinflusst. Der Sender bringt die Communities der Hauptstadt zusammen und etabliert eine moderne Plattform für kulturellen Austausch."

Das eher nicht: "Ja, die Polizei ist hier draußen und versucht, die Tür einzurennen. Sie halten die Waffen auf uns, und ich weigere mich zu öffnen, solange sie nicht die Pistolen wegstecken."

Das erste Zitat stammt vom "Berlin Community Radio", das zweite von "Radio Alice", einem Sender der Linksradikalen in Bologna anno 1977. Beides sind Community-Medien. Sie sind Sprachrohr und Diskussionsplattform einer durch wesentliche Anliegen geeinten Gruppe oder einer regional begrenzten Bevölkerung. In nicht wenigen Fällen überschneiden sich die Definitionen, etwa beim Wiener "Radio Orange", das als Stadtradio feministischen Gruppen ebenso eine Plattform bietet wie dem "Radio Afrika International" und dem "Literadio". Publikum und Produzenten teilen in vielen Fällen demografische Merkmale wie Geschlecht, Wohnort, rechtlicher Status, Schicht oder Klasse. Notwendig ist das, man denke etwa an Atomkraftgegner oder Veganer, aber nicht.

Kurze Reaktionszeit

Gesetzlich sind Community-Medien nur im Radio- und TV-Bereich verankert, und das auch nur in wenigen Ländern, in denen sie neben dem staatlichen Rundfunk und kommerziellen Sendern als sogenannter dritter Sektor gelten und - meist bescheidene - Förderungen erhalten. Der 2012 verstorbene deutsche Politik- und Medienwissenschafter Hans J. Kleinsteuber sah die Grenzen zwischen den Kategorien nicht so eng. Als Beispiel nannte er den Hamburger Sender "Tide", der zwar von der Stadt finanziert wird, aber aufgrund der redaktionellen Eigenständigkeit auch Funktionen eines Community-Mediums übernimmt.

In Österreich wurden 1998 die ersten sogenannten Freien Radios nach dem Regionalradiogesetz von 1997 zugelassen. Seit der Novelle des KommAustria-Gesetzes im Jahr 2009 erhalten nichtkommerzielle Rundfunksender Förderungen. Im Printbereich kam es hingegen zu einem Kahlschlag. Infolge der Anhebung der Tarife für den Postzeitungsversand unter der Regierung Schüssel ging die Zahl der Zeitschriften mit Kleinauflagen allein von 2000 bis 2001 um mehr als 60 Prozent zurück. Druckprodukte wie das pädagogische "Schulheft", aber auch das Magazin des Kartellverbands, "Couleur", erhalten eine Presseförderung zwischen 5000 und 10.000 Euro.

Heute gibt es in Österreich 14 Community-Radiosender sowie drei TV-Stationen. Vier davon sind im Community Media Forum Europe (CMFE) vertreten, nämlich der "Freie Rundfunk Freistadt", "Radio Helsinki" in Graz, "Radio FRO 105.0" in Linz und das "FS1 Community TV" in Salzburg.

Ein Blick auf die Mitglieder des CMFE zeigt, dass wir es mit einem westeuropäischen Phänomen zu tun haben. In vielen vormals kommunistischen Ländern ist der dritte Sektor entweder nicht rechtlich anerkannt, oder er wird als zusätzliches Herrschaftsinstrument benutzt. In Polen, wo es seit 2001 "soziale Sender" gibt, stammen alle acht Radiosender dieser Kategorie aus dem Umkreis der katholischen Kirche.

Als Hindernisse für Community Media in Ost- und Südeuropa gelten der mangelnde politische Wille zur Schaffung entsprechender Gesetze, der geringe Anteil an Freiwilligenarbeit und die hohen Lizenzgebühren. Das Internet wird zwar von den Radios als zusätzliche Möglichkeit genutzt, reine Online-Plattformen müssen sich zumeist jedoch durch Spenden finanzieren.

In nicht wenigen Fällen ging der Gründung von Community-Medien das Scheitern von Projekten voraus, die sich als Alternativen zu marktbeherrschenden Medien verstanden, dieses Selbstverständnis aber nicht deutlich genug formulierten. Es "wirkte sich hier ein in dieser Zeit weitverbreiteter gewisser ‚Puritanismus‘ der Studentenbewegung gegenüber der Zugänglichkeit von Texten, der Bequemlichkeit, dem Emotionalen usw. aus", hieß es diesbezüglich unlängst in einer Berliner Stadtteilzeitung.

Während sich die Erkenntnis herumsprach, dass es hilfreich ist, die Sprache derjenigen zu kennen, die da lesen, hören und sehen, beschritten die Community-Medien den Weg vom Druck zum Radio und TV. Ausschlaggebend dafür waren wohl die kurzen Reaktionszeiten und die unkomplizierten Möglichkeiten zur Einbindung des Publikums, vom Live-Telefonat über die spontane Straßendiskussion und das Studiogespräch bis zur O-Ton-Reportage. Mary Ruddy, Gründerin des "Connemara Community Radio", erinnert sich: "Wir haben es mit einer Zeitung versucht, aber gedruckt wirkte alles so festgenagelt. Da kamen wir auf die Idee, unser eigenes Radio zu machen."

Hier wirkt der Kanal als Korrektiv: Beim gesprochenen Wort verbietet sich die verquaste universitäre Sozialwissenschaftssprache von selbst.

Gemeinsame Ziele

Erfolgreiche Gemeinschaftsprojekte haben sich aber auch strukturell geöffnet. Die Grenzen zwischen dem Publikum und der Redaktion sind durchlässiger als im Rest der Medienlandschaft und werden immer wieder durchbrochen, sei es durch die laufende Ausbildung interessierter Frauen bei der Zeitschrift "Frauensolidarität" oder offene Redaktionssitzungen bei der linken Informationsplattform "akin". Lesertreffen sowie die leichte Erreichbarkeit der Journalisten tragen dazu bei, Anliegen und Interessen in die Redaktionen zu bringen.

Sie lösen damit einen Anspruch ein, den der Kommunikationsforscher Horst Holzer vor mittlerweile 45 Jahren an staatliche Sender gestellt hat: "Eine solche Mitbestimmung des Publikums wäre denkbar in Form von Beiräten, die den Journalistenkollektiven zugeordnet sind und in die die sozialen Gruppen, aus welchen sich das Publikum rekrutiert, in entsprechenden Proportionen ihre Interessensvertreter schicken."

Im Inneren der Medien reduziert die Konzentration auf gemeinsame Ziele Rivalitäten: "Es ist wie in der Schule", stellt Peter S. fest, der vom Blatt der Bürgerinitiative bis zur Werbeagentur auf ein breites Spektrum an Arbeitgebern zurückblicken kann. "Da hast du das Gymnasium, wo sich die Leute übers Blatt lehnen, damit niemand abschreibt, und die Alternativschule, in der du mit deinem Nachbarn über die Lösungen diskutierst."

Bei allen, die an dem Medium mitarbeiten, sei es in der Berichterstattung, im Layout, der Technik oder der Distribution, führt das zu hoher Zufriedenheit. Die Arbeit für das Medium wird als wesentlicher Lebensinhalt empfunden.

Wenn das Ziel nicht erreicht wird, löst das allerdings auch individuelle Krisen aus. Das Medienkollektiv der studentischen Bewegung #YoSoy132 wollte 2012 in Mexiko die Wahl Enrique Peña Nietos von der Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) zum Präsidenten verhindern. Peña Nieto schaffte es dank der Unterstützung durch das Medien-Oligopol der Konzerne "Televisa" und "TV Azteca" mit mehr als sechs Prozent Vorsprung vor dem Kandidaten der Linken. Viele Medienaktivisten von #YoSoy132 nahmen die Niederlage persönlich. "Wenn du sechs Wochen lang kaum geschlafen hast, wenn du unglaublich viel Arbeit reingesteckt hast (. . .), dann ist das einfach deprimierend", resümierte die Journalistin Deborah.

Diese Gefühle sind die Kehrseite von Allmachtsfantasien, die Mitarbeiter von alternativen Medienprojekten mit vielen Leitartiklern und Kommentatoren des etablierten Bereichs teilen: Ich schreibe oder spreche, wodurch den Menschen endlich die Wahrheit bewusst wird - das war schon immer eine naive Vorstellung von Massenkommunikation. Das Internet und die Sozialen Medien haben den Einfluss der dezidierten Meinungselemente schließlich weitgehend neutralisiert. Dieses Schicksal teilt die weltanschauliche Kolumne im Übrigen mit der Kunstkritik.

Trost spendet der kreativ-marxistische Philosoph Ernst Bloch. "Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern", schreibt er im Vorwort seines Hauptwerks "Das Prinzip Hoffnung".

Notwendiges Korrektiv

Die Einbindung in die Gemeinschaft fördert auch die soziale Kontrolle, die auf dem Gefühl der moralischen Überlegenheit fußt und die leicht einen rigiden Charakter annehmen kann. Auch hier können wir auf Ernst Bloch zurückgreifen. Mit "wir als Demonstranten der Logik und der Moral" hat er 1976 bei einer Kundgebung in Tübingen das studentische Publikum bezeichnet. Das drückt nicht nur einen heute schwer nachvollziehbaren Geschichtsoptimismus aus, das ist eine selbsterhöhende Eigendefinition, die Veganer und Mitglieder der Sudetendeutschen Landsmannschaft über alle weltanschaulichen Gräben hinweg teilen.

Die Selbsterhöhung zum besseren Menschen - oder gar zum neuen Menschen im Sinne Che Guevaras - beinhaltet die Ablehnung von Motiven wie Geld, Image oder Position. Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, etwa nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Bescheidenheit gilt der Gemeinschaft als Zier. Selbstausbeutung ist die unvermeidbare Folge.

Politisch sind Community-Medien ein Liebkind bürgerlicher und linker Politiker. Das Europäische Parlament stellte im September 2008 fest, dass "die Bürgermedien ein wirksames Mittel sind, die kulturelle und sprachliche Vielfalt sowie die soziale Integration und die lokale Identität zu fördern". Im Februar 2009 betonte das Ministerkomitee des Europarates den sozialen Wert von Community-Medien. Einen Geldregen haben beide Erklärungen jedoch nicht ausgelöst.

So sind die Gemeinschaftsmedien auf die Unterstützung durch die Zivilgesellschaft angewiesen, um "die gesellschaftliche, kulturelle und sprachliche Vielfalt ihrer Ausstrahlungsgebiete" widerzuspiegeln und den interkulturellen Dialog zu führen", wie es in der Charta der österreichischen Community-Fernsehsender heißt.

Wie notwendig ein solches Korrektiv zu einem durch öffentliche und kommerzielle Medien gestützten autoritären Staat ist, zeigen etwa Italien in der Ära Berlusconi und Mexiko sowie die Verfassungsänderungen in Ungarn und Polen, die das Prinzip der Gewaltentrennung teilweise aushebeln.

Gerald Jatzek ist Autor und derzeit karenzierter Online-Redakteur der "Wiener Zeitung".