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Nachhaltige Hilfe statt Almosen

Von Brigitte Pilz

Politik

Die Situation ist paradox: In den reichen Ländern kämpft die Mehrzahl der Menschen mit Übergewicht. Ein Viertel unserer Schulkinder ist zu dick. Gleichzeitig leiden zwei Milliarden Menschen an Mangelernährung und ihren Folgeerscheinungen, vor allem in den armen Ländern des Südens. 800 Millionen hungern. Dabei ist die Sicherung der Ernährung ein verbrieftes Menschenrecht.


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Wiederholt wurde an dieser Stelle auf die sogenannten Millenniums-Entwicklungsziele der UNO hingewiesen. Unter den acht Zielsetzungen steht die Reduzierung von extremer Armut und Hunger an erster Stelle. Die Anzahl der 800 Millionen Hungernden soll bis 2015 um die Hälfte reduziert werden. Aktuelle Untersuchungen an untergewichtigen Kindern weisen darauf hin, dass sich die Ernährungslage in Ost- und Südostasien bereits etwas verbessert hat. In Zentralasien und Mittelamerika hat sich die Situation verschlechtert. Besorgnis erregend ist sie in Afrika südlich der Sahara: Die absolute Zahl der Armen steigt weiter an.

Bereits Anfang der 1980er Jahre gab es eine Kampagne des Österreichischen Informationsdienstes für Entwicklungspolitik (heute: Südwind Entwicklungspolitik), mit dem Titel: "Hunger ist kein Schicksal - Hunger wird gemacht". Dabei wurde eindrucksvoll auf die politische Dimension des Problems aufmerksam gemacht. In vielerlei Hinsicht ist das bis heute gültig:

- Global gesehen, gibt es genug Nahrungsmittel. Das Problem ist die Verteilung. Arme hungern, weil sie sich Nahrung nicht leisten können.

- Monokulturen von Baumwolle, Tabak, Kaffee, Tee etc. zementierten den Export

von Agrarerzeugnissen mit sinkenden Rohstoffpreisen auf dem Weltmarkt. Die Kleinbauernfamilien wurden auf die schlechteren Böden verdrängt.

- Auf riesigen Anbauflächen in Entwicklungsländern wird Viehfutter - etwa Soja - für Europa produziert.

- Die grüne Revolution hat zwar die Erträge reicher Bauern erhöht, sie war wegen des großen Kapital- und Technologieeinsatzes für Kleinbauern nicht umsetzbar, beraubte vielmehr Millionen von ihnen der Existenzgrundlage. Eine nötige Umstrukturierung, die ihnen andere Jobs gebracht hätte, wurde vernachlässigt.

Ein Menschenrecht

Ernährung ist ein fundamentales Menschenrecht, das im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte verankert ist. Fast alle Staaten haben sich verpflichtet, dieses Recht zu respektieren.

Hin und wieder hört man noch immer den Vorschlag, durch Nahrungsmittelhilfe aus den Agrarüberschüssen der Industrieländer das Problem des Hungers zu lösen. Das ist sehr kurzsichtig. Es hat sich gezeigt, dass solche Art Hilfe eine Konkurrenz für die lokale Lebensmittelproduktion darstellt und sie schädigen bis vernichten kann. Nahrungsmittelhilfe ist sinnvoll im Falle von Katastrophen und sonstigen außergewöhnlichen Gegebenheiten. Als Lösung des Hungers in der Welt ist sie es nicht. Dazu braucht es die "Ernährungssouveränität" jedes Landes. Die Eigenversorgung sollte bestmöglich gestärkt werden.

Augenmerk auf Kleinbauernfamilien

Die meisten absolut armen Menschen leben auf dem Land. Die Beseitigung des Hungers setzt daher eine nachhaltige ländliche Entwicklung voraus. Aus verschiedenen Gründen erwirtschaftet die große Mehrheit der Kleinstbauern, Pächter oder Hirtennomaden kaum genug Nahrung für die eigene Familie. Überschüsse zu produzieren ist für sie derzeit weitgehend illusorisch. Es folgt eine Übernutzung der natürlichen Ressourcen, was zu Schäden an der Umwelt und zu noch größerer Armut führt. Die Produktivität muss gesteigert werden. Bei höheren Erträgen würden die Angebote an die städtische Bevölkerung auch zunehmen. Je nach Land und Problemlage sind andere Strategien und Maßnahmen sinnvoll:

- Gerechtere Verteilung von Boden durch Agrarreformen; Änderung von Erbrechten, damit auch Frauen Landbesitzerinnen werden können;

- Verbesserung der eingesetzten Technologie je nach lokaler Situation;

- angepasste Spar- und Kreditprogramme für nötige Investitionen;

- Schutz des Bodens und standorttypische Pflanzen, Wasserschutz, Ausgleich der Interessen zwischen Tierhaltung und Umwelt, Brennholz sparende Öfen etc.;

- Fortbildung für Produktion und für Vermarktung;

- Beratung und Organisation der Bauern zur wirkungsvollen Vertretung ihrer Interessen;

- Hilfe beim Aufbau von Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben zur Jobgewinnung außerhalb der Landwirtschaft.

Zur Unterstützung der Millenniums-Entwicklungsziele hat die UNO zehn thematische Arbeitsgruppen eingerichtet, unter anderem die Hunger Task Force. Internationale Wissenschafter und Experten, Vertreter der Zivilgesellschaft - Männer und Frauen aus der ganzen Welt - analysieren die Situation in den am meisten von Hunger betroffenen Regionen. Sie erarbeiten mögliche Strategien um dem Ziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 wesentlich zu reduzieren, näher zu kommen. n

http://www.unmillenniumproject.org