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Nachhilfe bei B.B. King

Von Walter Hämmerle

Kommentare

Woher stammt nur die eigenartige Sehnsucht der Bürger, dass sie ihren Politikern unbedingt vertrauen wollen? Es wäre höchst an der Zeit, aus der Geschichte gefallener Helden zu lernen.


Mit dem Vertrauen ist das so eine Sache. Eigentlich will ja der Volksmund wissen: "Wer einmal lügt, dem glaub’ nicht mehr." Der Blueser und Gitarrist B.B. King verpackte das in die wunderbare Liedzeile: "Fool me once, shame on you, fool me twice, shame on me."

Nur wenn der Bürger als Wähler agiert, ist diese eherne Regel des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt. Die mentale Grundverfassung von Wählern lautet nämlich sinngemäß: Wir wissen, dass uns unsere Politiker ständig, wenn schon nicht belügen, so doch nie die volle Wahrheit sagen. Wir wissen also, dass Politikern nicht zu trauen ist - und dennoch scheinen wir uns nichts sehnlicher zu wünschen, als ihren Aussagen zu glauben. Ein Paradebeispiel extremer kognitiver Dissonanz.

Nun lud für Dienstag das orange angehauchte Internationale Institut für Liberale Politik Wien ins noble Hotel Imperial. Das Motto der Diskussion lautete "Der Haider-Mythos und das Vertrauen der Österreicher in die Politik".

Jörg Haider und das Vertrauen der Bürger: Es gab tatsächlich eine Zeit, da war eine gar nicht so kleine Zahl an Menschen davon überzeugt, dass "auf den Jörg Verlass ist", dass "er hält, was er verspricht" - ungeachtet all der Einwände seiner noch viel zahlreicheren Gegner.

"Er hat Euch nicht belogen" plakatierte die FPÖ im Nationalratswahlkampf 1995 - geschmückt mit dem Konterfei Haiders. Und für die Wahl vier Jahre später posierte Haider mit Susanne Riess-Passer, Herbert Scheibner und Peter Westenthaler unter dem Slogan "Echte Freunde halten ihre Versprechen". Das kam dann allerdings schon kurz darauf ganz anders.

Heute, etwas mehr als zwei Jahre nach Haiders Unfalltod, hat sich auch der Blick der Anhänger auf ihr einstiges Idol gewandelt. Die Berichte über die Beinahe-Pleite Kärntens, über den Umgang der Landespolitik mit der Kärntner Hypo und natürlich die zahllosen, wenngleich nicht bewiesenen Gerüchte über finanzielle Zuwendungen an die FPÖ beziehungsweise Haider persönlich aus dem arabischen Raum lassen den einstigen selbsternannten Saubermann der Innenpolitik in einem anderen, schiefen Licht erscheinen.

Haider ist vor nunmehr fast 25 Jahren angetreten, die Republik "vom rot-schwarzen Filz" zu befreien, die allgegenwärtige Zwei-Parteien-Herrschaft im Land zu beenden. Tatsächlich läutete der ehemalige Kärntner Landeshauptmann eine neue Ära ein: Kein Politiker der letzten Jahrzehnte polarisierte dermaßen, das Land spaltete sich in radikale Anhänger und Gegner, kalt ließ Haider keinen.

Die Bürger aber befreite Haider nicht aus ihrer (durch Wahlen selbst verschuldeten) Unmündigkeit, sie blieben auch dort, wo er die Spielregeln bestimmen konnte, bloße Almosenempfänger von politischen Gnaden, exemplarisch veranschaulicht im Landesfürsten, der - bar auf die Hand - Geldgeschenke an seine Untertanen verteilt. Nichts grundsätzlich Neues also in dieser Republik.

Haider gelang immerhin das Kunststück, seinen Fans das Gefühl zu geben, einer der ihren zu sein, für sie war er "der Jörg", der sich bereitwillig duzen ließ und immer ein offenes Ohr für die angeblich oder tatsächlich Benachteiligten hatte. Fast jeder Kärntner kann dazu persönliche Erlebnisse erzählen.. .

Vielleicht reift ja jetzt die Einsicht unter uns Regierten, dass ein Politiker, der seine Bezeichnung verdient, niemals "einer von uns" sein wird. Er kann es gar nicht. Denn wenn er ein wirklich Guter sein will, so muss er das Gemeinwohl als Maßstab seines Handelns anlegen. Andernfalls droht er im Wald der tragischen Einzelfälle verloren zu gehen.