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Nachhilfe: Ein endloses Kapitel

Von Christine Zeiner

Politik

Jeder vierte bis fünfte Schüler in Österreich nimmt Nachhilfeunterricht. Rund 11 Mill. Euro werden dafür allein in der Bundeshauptstadt ausgegeben, geht aus Angaben der Arbeiterkammer (AK) hervor. Wenig erstaunlich die Gründe dafür: Auf Platz 1 der vom Institut für Psychologie der Universität Wien erstellten Studien rangiert die Angabe "Wunsch nach besseren Noten", gefolgt von "schwieriger Lernstoff".


"Das ist eine tolle Sache und anerkennenswert", interpretiert man im Bildungsministerium das häufigst genannte Motiv gegenüber der "Wiener Zeitung". "Heute ist es eben cool, Leistung und Stärke zu zeigen, im Gegensatz zu früher, wo schlechte Noten cool waren." Es gehe also nicht um "sein" oder "nicht sein", glaubt Ronald Zecha, Pressesprecher der Bundesministerin für Bildung, Elisabeth Gehrer.

Ist der "Wunsch nach besseren Noten" schlicht der Wunsch einer Verbesserung von "Gut" auf "Sehr Gut" oder "Befriedigend" auf "Gut"? "Nein", weiß Michael Cerny, Inhaber des Nachhilfeinstituts "teamplus!". Nur etwa fünf Prozent der Kunden kommen, weil sie einen Einser möchten. Der Großteil hingegen kämpfe gegen ein "Nicht Genügend". Ob mit der erreichten positiven Note auch langfristige Lernerfolge einhergehen, wird vielerorts bezweifelt. "Ist der Schüler schlecht und die Eltern sind finanziell dazu in der Lage, ziehen sie eben die Notbremse", meint der Lehrer und Mitgründer der Einrichtung "Paedagogicum" Michael Lemberger. Er sieht in Nachhilfe nur kurzfristige Erfolge. Für Schüler, die das Institut "Mandl" wählen, geht es laut Wilfried Mandl ausschließlich darum, die jeweilige Prüfung positiv zu schaffen. "Bei uns gibt's einen enormen Druck. Wir können dem Schüler nur sagen: Deine Eltern haben das bezahlt. Das ist kein schönes Gefühl für uns, und mir tun die Schüler leid."

Was läuft angesichts von 20 bis 25 Prozent Schüler, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, falsch? Während die einen fehlende Geldmittel, Einsparungen und damit einhergehend weniger Mittel für Förderkurse beklagen, sehen andere den Stein des Anstoßes in der Ausbildung der Lehrkräfte, wieder andere meinen, es liege am "schwierigen" Lernstoff oder doch an den faulen Schülern. Oder die Schule nehme die Freude am Lernen, Probleme der Schüler wären den Lehrern gleichgültig, das Schulsystem an sich sei zu hinterfragen.

"In unserem Schulsystem läuft nichts falsch", ist sich Zecha sicher. Anderer Meinung ist da etwa Christiane Humer, Chefin der Nachhilfekette "Schülerhilfe": Es müsse am System liegen, sonst bräuchte es Nachhilfeinstitute nicht zu geben. Die ehemalige HAK-Lehrerin Monika Guttmann, Betreiberin von "Indigo-Relations" findet, es sei schwer, sich innerhalb des Schulsystems seinen Idealismus zu behalten. Zwar gäbe es Ansätze wie Projektunterricht, doch sei das zu wenig. Noch immer gelte viel zu oft "stures Pauken, stilles Sitzen". Bildhaftes und vernetztes Denken hingegen bleibe auf der Strecke.

Geballte Kritik kommt von Lemberger: "Die Lehramts-Ausbildung sollte überdacht werden. Lehrer müssen bewusster unterrichten. Da gibt's viele, die meinen, heute hab ich fleißig, lieb und nett unterrichtet und gleichzeitig wissen sie nicht, was sie damit anrichten. Den meisten Lehrern ist es fremd, Inhalt und Form des Unterrichts so zu bestimmen, dass dieser Sinn macht. Lehrer bereiten Schüler auf ein Leben vor, das sie selbst nicht kennen." Im Schulsystem sei Lernen - Prüfen - Vergessen - Benotung üblich. Lemberger plädiert für "Lernen lernen". Helene Babel vom Institut für die Schulpraktische Ausbildung der Uni Wien erklärt: "Natürlich bemühen wir uns, dass die Lehramtsstudenten eine gute Ausbildung haben. Wir haben aber einen vorgegebenen Rahmen beispielsweise der Stundenanzahl. Ich tu' mir auch schwer zu sagen, es liegt am Geld, denn viel Geld bedeutet nicht automatisch Qualität, auch wenn ich gegen Kürzungen im Bildungsbereich bin, wie es gemacht wird."

Der Bundesvorsitzende der parteiunabhängigen Lehrergewerkschaft, Manfred Drescher ist der Ansicht, dass das Ministerium zu wenig Erkundigungen vor Ort, also in den Schulen, einholt. Zum einen trete man im Bildungsministerium für offenere Lernformen ein, zum anderen seien Leistungsüberprüfungen mit Noten nach wie vor erwünscht. Bei einem Klassen- oder Schulwechsel müssten sich die Schüler ständig auf andere Lehr- und Lernmethoden umstellen - "und wenn etwas schief läuft, werden die Lehrer kritisiert."

Wie wichtig sind eigentlich gute Noten? Die Note sei eine Leistungsfeststellung, heißt es aus dem Bildungsministerium. "Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Ich kann ja nicht so tun, als ob es nicht um Leistung ginge", kommentiert Zecha. Doch nicht immer haben Noten tatsächlich mit "Leistung" zu tun und "Leistung" muss nicht zwangsläufig mit "Wissen" und "Lernen" einhergehen.

So schreibt Ivan Illich: "Durch Schulunterricht werden weder Lernen noch Gerechtigkeit gefördert, da die Schulpädagogen darauf bestehen, Unterweisung mit Benotung zu verbinden. Dabei bedeutet Lernen, eine neue Fertigkeit oder Erkenntnis zu gewinnen, während Beförderung von der Meinung abhängt, die sich andere gebildet haben."

Lesetipp:

Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft. Eine Streitschrift. Verlag C.H. Beck, München 2003.

Internettipps:

http://www.paedagogicum.at

http://www.schuelerhilfe.at

http://www.schule.at

http://www.team-plus.at

http://www.mandl.at

http://www.relations.at/young_definition.htm