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Nachruf auf Barbara Prammer

Von Brigitte Pechar

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Brigitte Pechar
© WZ

Das Format, als ernstzunehmende Anwärterin für die Nachfolge von Bundespräsident Heinz Fischer für das höchste Amt im Staat zu gelten, hat sich Barbara Prammer (Jänner 1954 bis August 2014) ganz alleine erarbeitet.

Das wäre der nächste Stein gewesen, dem sie das Prädikat "erste Frau in dieser Funktion"  eingemeißelt hätte: erste Landesrätin in Oberösterreich (1995), erste Frau als Nationalratspräsidentin (seit 2006). Nichts auf ihrem politischen Weg ist ihr einfach zugefallen –  keine Seilschaften standen ihr zur Seite. Und manche Schritte hat sie gemacht und erst nach und nach ausgefüllt. Zwar könnte man glauben, dass ihr politisches Engagement in die Wiege gelegt worden sei – ihr Vater war immerhin Bürgermeister in Ottnang im oberösterreichischen Hausruckviertel  - tatsächlich verantwortlich dafür war aber Barbara Prammers ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Dieser  war die Triebfeder ihres Handelns. 

Als alleinerziehende Mutter eines unehelichen Kindes hat sie selbst erfahren, was es in der Frauenpolitik braucht. Als Viktor Klima sie 1997 als Frauenministerin in seine Regierung holte, war sie recht einsam auf dem Wiener Parkett der Intrigen und Männerseilschaften - nicht zuletzt in ihrer eigenen Partei. Auch noch unsicher in der mit Fallen ausgelegten Medienlandschaft. Barbara Prammer ließ sich nicht beirren. Sie hat sich nicht "verhabert" oder demütig in Rollen pressen lassen. Zielstrebig  und konsequent hat sie sich erarbeitet, was andere vielleicht durch Eloquenz müheloser erreicht hätten.  Rückhalt war für die zweifache Mutter stets ihre Familie: die Kinder, die Eltern, die Geschwister. Dort schöpfte sie Kraft.

Gut möglich, dass ihre Partei sie anfangs wegen ihres Frauseins zur Zweiten Nationalratspräsidentin berufen hat – nichtsahnend hat die SPÖ damit eine Persönlichkeit zur später zweiten Frau im Staate aufsteigen lassen, deren Eigenschaften sie genau dafür als prädestiniert erscheinen ließen. Prammer war frei von Kampfrhetorik, aber ebenso von Anbiederung. Je länger sie die Spielregeln im Hohen Haus begründete und häufig ausgleichend auf alle Fraktionen einwirkte, desto sicherer wurde sie in ihrem politischen Aktionsradius.

Diese Sicherheit machte sich auch bemerkbar, wenn sie nicht zuließ, dass die Regierung den Spielraum des Hohen Hauses einschränken wollte. Und sie nützte ihre zunehmende Autorität auch dazu, dem Bundeskanzler und ihrem Parteivorsitzenden öffentlich zu widersprechen. Sie tat dies in ihrer betont sachlichen, nüchternen Art. Aber bestimmt.
Nicht Unsicherheit oder Unentschlossenheit war es, wenn die Nationalratspräsidentin  versuchte, stets alle Fraktionen ins Boot zu holen.

Für sie – auch  als überzeugte Sozialdemokratin - stand an vorderster Stelle der Wunsch, möglichst alle in demokratische Prozesse einzubinden. Vor allem bei  wichtigen politischen Projekten strebte sie eine breite Mehrheit  an. Möglich, dass einigen der Beschluss für den Parlamentsumbau zu lange gedauert hat, aber sie wollte für ein derart wichtiges und kostspieliges Projekt eben auch die Opposition – vor allem die FPÖ – überzeugen. Es ist ihr am Ende gelungen, wenn sie das neue Parlament auch nicht mehr sehen wird, wird es doch auf ihr begründet sein. Bedauernd, dass sie nicht mehr selbst dabei sein konnte, nahm sie die Einigung der Fraktionen für den Beschluss des Minderheitsrechts  bei der Einsetzung von Untersuchungsausschüssen, die ihr sehr viel bedeutet hat, schon vom Krankenbett aus mit Genugtuung zur Kenntnis. 

Als Barbara Prammer von ihrer schweren Krankheit während des Nationalratswahlkampfs im September 2013 selbst überrascht wurde, handelte sie für alle, die sie kannten, wenig überraschend: Sie stellte sich dieser Herausforderung mit Charakterstärke, klärte die Öffentlichkeit auf und nahm den Kampf auf, weil sie noch sehr viel vor hatte in ihrem Leben.