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Nächster Halt: Neu Delhi

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Selbst Gujarats Muslime stimmen inzwischen für den Hindu-Nationalisten,


Neu Delhi. "Delhi, Delhi, Delhi", skandierten seine Anhänger euphorisch. Narendra Modi, einer der umstrittensten Politiker Indiens, ließ sich stolz feiern. Der Hindu-Nationalist hat aus seinen Ambitionen, dass er in Indiens Politik hoch hinaus will, nie einen Hehl gemacht. "Mein größter Traum ist, meinem Volk zu dienen", rief der in Orange gekleidete 62-Jährige den jubelnden Massen zu. Orange ist die Farbe der hindunationalistischen Bharatiya Janta Party (BJP), der Modi seit seiner Studentenzeit angehört.

Modi ist erneut als Regierungschef des Bundesstaates Gujarat bestätigt worden - und dies bereits zum dritten Mal. Sein komfortabler Sieg bringt ihn ein Stück weiter in seinem Traum, die Gandhi-Dynastie zu beerben, die Indiens Politik seit Jahrzehnten dominiert. Modi könnte 2014 als Spitzenkandidat der BJP Indiens Kongresspartei unter Führung von Sonia Gandhi aus der Regierung vertreiben. Nur hängt ihm eine politische Altlast an: seine Rolle bei den Ausschreitungen in Gujarat 2002, bei denen rund 1000 Menschen ums Leben kamen - die Mehrheit von ihnen Muslime.

Über Jahre hinweg hat die BJP versucht, Wahlen für sich zu gewinnen, indem sie die hinduistische Mehrheit Indiens hinter sich scharte - teils auf Kosten Andersgläubiger. Doch das Spiel mit der Religionskarte war politisch stets riskant: Indiens Gesellschaft ist komplex. Es ist die Heimat von vier großen Weltreligionen: Hinduisten machen etwa 80 Prozent der Bevölkerung aus, Muslime um die 13 Prozent, jeweils um die zwei Prozent aller Inder sind Christen und Shikhs, dazu kommen Jainisten, Buddhisten und andere Glaubensgemeinschaften.

Garant für Wohlstand

Kurz, nachdem Modi 2001 erstmals zum Ministerpräsidenten von Gujarat gewählt worden war, brachen im Bundesstaat religiöse Unruhen aus - die schlimmsten in Indien seit der Ermordung von Regierungschefin Indira Gandhi 1984. Erst der Einsatz der Armee beendete die Gewaltwelle in dem westlichsten Bundesstaat des Landes. Modi wird vorgeworfen, damals zu wenig unternommen zu haben, um die religiösen Fanatiker in ihrem Blutrausch zu stoppen. Politiker aus seiner eigenen Partei wendeten sich nach den Gujarat-Pogromen von ihm ab, weil sie um ihr eigenes Image fürchteten. Die USA verweigerten dem BJP-Mann 2005 ein Visum.

Doch seither hat Modi eine Menge getan, um den bösen Geist von Gujarat abzuschütteln. Der für seinen spartanischen Lebensstil bekannte Junggeselle hat Wohlstand und Wachstum für seinen Bundesstaat geschaffen. Viele der mehr als 60 Millionen Einwohner von Gujarat erkennen dies an - darunter auch viele Nicht-Hindus. Um die 25 Prozent der Modi-Wähler in Gujarat waren diesmal Muslime, die für die traditionell rechtslastige hindu-nationalistische BJP stimmten. Fünf Jahre zuvor - 2007 - waren es lediglich drei Prozent. Zwar ist die Mehrheit der Muslime in Gujarat weiter auf Seiten der Kongress-Partei, doch Modis gute Noten als Regierungschef und sein Ruf als ein integrer Politiker gruben den politischen Widersachern das Wasser ab. Für viele Wähler ist die Kongress-Partei, die sich angeschlagen von einem Korruptionsskandal zum nächsten schleppt, trotz ihrer religiös-neutralen Ausrichtung keine Alternative mehr.

Sogar der muslimische Sufi-Gelehrte Mehbubali Baba Sahib machte sich in Gujarat für Modi stark. Das Leben für die muslimische Minderheit sei unter Modi besser geworden, erklärt der Hüter eines muslimischen Heiligen-Schreins. Seit den Ausschreitungen habe es keine religiöse Gewaltwelle mehr in Gujarat gegeben, betont er. Mehr als zehn Prozent der Muslime haben einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst und das Pro-Kopf-Einkommen der Muslime in Gujarat gehören zu den höchsten in ganz Indien.

Doch trotz seines Erfolges in Gujarat - bis in die Hauptstadt Neu Delhi ist es für Modi noch ein weiter Weg. Ob ihn seine Partei als Spitzenkandidat für 2014 aufstellen wird, ist alles andere als klar. Auch muss Modi international seinen Ruf weiter aufpolieren. Teilweise ist ihm das bereits gelungen: Im Oktober beendete Großbritannien seinen ein Jahrzehnt langen diplomatischen Boykott: Der britische Botschafter in Neu Delhi empfing Modi für 50 Minuten. Andere westliche Länder dürften diesem Beispiel bald folgen, besonders, wenn der BJP-Politiker eine größere Rolle auf der nationalen Politik-Bühne einnimmt. Dennoch: Die BJP hat bislang Indien nur eine Wahlperiode lang - von 1998 bis 2004 - regiert. Und Indiens politische Landschaft zersplittert immer entlang von Kasten, Religionen und Regionen.