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Nächstes Ziel - Bagdad

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

IS-Kämpfer ziehen sich aus Kobane zurück und marschieren auf die irakische Hauptstadt zu.


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Bagdad. Scheich Matlb Ali Al-Mesary hat sein Aussehen drastisch verändert. Der Stammesführer aus Falludscha sieht jetzt aus wie ein normaler, gut gekleideter Iraker mit Anzug und Krawatte. Sein traditionelles, langes Gewand, die weiße Kopfbedeckung und die schwarze Kordel hat er abgelegt. Seinen Stolz auch. Die letzten Jahre haben ihm schwer zugesetzt, ihn gedemütigt. Sechs Monate war er außer Landes. Als er in den Irak zurückkehrte, hat er sein Leben geändert, hat eine Anwaltskanzlei in Bagdad eröffnet und kümmert sich nun um Flüchtlinge. "Ich bin bedroht worden", sagt der Präsident der "Konföderation patriotischer Stämme Iraks" zur Erklärung seines Wandels. "Alle sunnitischen Scheichs von Anbar mussten um ihr Leben bangen."

Die Hetzjagd des früheren Premierministers Nuri al-Maliki gegen die Sunniten führte bis ins Wohnzimmer des Scheichs. Willkürlich überfielen Soldaten der irakischen Armee Häuser und Wohnungen in Falludscha, Ramadi und anderen Städten der Provinz Anbar, die unmittelbar im Westen an Bagdad grenzt. Sie beschlagnahmten alle Waffen, die sie finden konnten, verhafteten viele Männer und auch Frauen, die sie des Terrors verdächtigten. "Die Soldaten waren Schiiten, so wie der Regierungschef", murmelt Al-Mesary grimmig. "Sie machten uns wehrlos."

Die unerfüllten Versprechen nach dem US-Abzug

Als der Bürgerkrieg in den Jahren 2006/07 und 2008 in Bagdad und Umgebung tobte, wurde Falludscha für die Amerikaner zum Inferno. Hier verzeichneten sie ihre größten Verluste. Zwei Militäroperationen brachten nur mäßigen Erfolg. Der Irak drohte vollends in Chaos und Anarchie zu verfallen. In buchstäblich letzter Minute schmiedete General David Petraeus, der damalige Oberkommandierende der US-Truppen, eine Allianz mit den Stammesführern gegen Al-Kaida. Die "Sons of Iraq" - die Söhne Iraks -, wie Petraeus die sunnitischen Stammesmitglieder blumig nannte, wurden bewaffnet und erhielten einen Monatslohn. Für ihren Einsatz gegen die Terrorbande versprach Petraeus die spätere Eingliederung in die neue irakische Armee. Von da an ging die Zahl der Anschläge bedeutend zurück, Al-Kaida-Terroristen wurden getötet, inhaftiert oder außer Landes getrieben. Die Amerikaner sprachen schließlich vom Sieg über den Kaida-Anführer Osama bin Laden und bereiteten ihren Abzug aus dem Irak vor. Als Vermächtnis gaben sie Premier Maliki noch mit auf den Weg, sich um die Sunniten zu kümmern. Er solle die Söhne Iraks weiter bezahlen und sie zu Polizisten oder Armeeangehörigen machen.

Doch dieser dachte gar nicht daran. Mit allen Mitteln baute er die Macht der Schiiten kompromisslos aus. Sogar in den unteren Ebenen wurden Schiiten bevorzugt behandelt. Im Hotelwesen, der Gastronomie, in den produzierenden Betrieben, in der Kunst: Überall verschwanden die Sunniten und wurden durch Schiiten ersetzt. Nicht die Qualifikation der Bewerber zählte, sondern deren Religionszugehörigkeit.

"Die schiitischen Stammesführer bekamen alles", erzählt Scheich Matlb. Waffen, Ausrüstung, Geld, jegliche Unterstützung. "Wir hatten zum Schluss nichts mehr, konnten nicht einmal mehr unsere Familien richtig ernähren." Da sei es ein Leichtes für die Terrorgruppe IS gewesen, in Anbar Fuß zu fassen. Seit Jänner halten sie Falludscha unter Kontrolle. Jetzt expandieren sie in den Rest der Provinz.

Islamisten stehen acht Kilometer vor Bagdad

Anbar ist mit 138.501 Quadratkilometern (zum Vergleich: Österreich hat 83.855 km2) die flächenmäßig größte der insgesamt 18 Provinzen Iraks und grenzt an Syrien und Jordanien. 80 Prozent des Territoriums sollen inzwischen in der Hand der Mörderbande sein. Der Gouverneur der Provinz lancierte Anfang der Woche einen Hilferuf und verlangte ausländische Truppen. Die irakische Armee und die Polizeikräfte werden der Lage nicht mehr Herr.

Der Scheich hat erfahren, dass jetzt viele IS-Kämpfer von Kobane hierher geschickt werden. Ein Schlachtfeld ist beendet, das nächste wird eröffnet. Über die strategisch wichtige Stadt Ramadi haben die irakischen Behörden wegen massiver IS-Angriffe eine Ausgangssperre verhängt. Sollte die Provinz Anbar gänzlich unter die Kontrolle des IS fallen, stünden die Dschihadisten acht Kilometer vor Bagdad. Aber noch ist es nicht so weit.

Doch die Anschläge in der Hauptstadt mehren sich. Kein Tag vergeht ohne Explosionen. 50 Tote und mehr sind dabei keine Seltenheit. Die Opferzahlen haben den Stand von 2006 erreicht, als das Land immer tiefer ins Chaos rutschte. Die Bagdader indes nehmen die Bedrohung zumeist gelassen auf. "Das ist doch logisch", kommentiert ein Taxifahrer die derzeitige Situation und spricht damit stellvertretend für viele. "Die Terrorbande wird jetzt von allen Seiten bekämpft, da schlagen sie um sich." Er habe keine Angst, sagt der 58-jährige Mann, es gäbe so viele, die Bagdad verteidigen. Das Eingreifen der Amerikaner und Europäer hat eine positive psychologische Wirkung auf die Hauptstädter, auch wenn manche Politiker sich nicht wohl dabei fühlen. Allein am Freitag flogen die USA mindestens ein Dutzend Luftangriffe. Im Moment der Anspannung wird der Graben zwischen der politischen Klasse und dem Volk noch deutlicher. "Alle Politiker wollen die Teilung Iraks", reflektiert der Scheich die Diskrepanz, "das Volk will das nicht." Gerade die Stämme könnten eigentlich eine größere Rolle für den Zusammenhalt des Landes spielen, weil in ihren Reihen sowohl Sunniten als auch Schiiten zu finden sind. Aber Maliki habe die Stämme mit seiner Politik gespalten und hat aus den Stammesführern Politiker gemacht. Das sei der Kern des Problems.

Scheich Matlb spricht mit seinem Kollegen in Falludscha am Telefon, will wissen, wie die Lage dort ist: Die Preise würden derzeit ins Uferlose wachsen, berichtet Scheich Abdullah Abu Tarek. Eine Flasche Flüssiggas zum Kochen kostet 40.000 irakische Dinar (27 Euro), das Neunfache des früheren Preises. Die Versorgung sei grundsätzlich schlecht. Es gebe auch keine Medikamente mehr.

Während die IS-Kämpfer Falludscha besetzt halten, sind die staatlichen Sicherheitskräfte rund um die Stadt im Einsatz. Waren müssten eingeschmuggelt werden. Es gäbe heftige Luftangriffe, Artillerie-Feuer. Auch nachts. Trotzdem hätten die Dschihadisten viel Unterstützung in der Bevölkerung. Viele Flüchtlinge seien inzwischen wieder zurückgekommen, weiß Abu Tarek. "Daesh", wie die Araber die Kämpfer des "Islamischen Staates" nennen, richte sich in der Stadt ein. Sie kümmern sich in einigen Vierteln um die Müllentsorgung, das Wasser, den Strom. Die Angestellten dafür werden von IS bezahlt. Die Leute würden die Luftangriffe der irakischen Armee mehr fürchten als Daesh, sagt der Scheich in Falludscha noch. Eine heftige Detonation beendet das Gespräch. Die Telefonleitung bricht zusammen.

Hoffen auf eine neue Politik unter al-Abadi

Die Hoffnungen der Sunniten liegen jetzt auf dem neuen Premierminister, der Anfang September ins Amt kam. Doch Haider al-Abadi hat große Schwierigkeiten, seine Regierung der Einheit zu vervollständigen, in der alle Gruppen des Vielvölkerstaates Irak vertreten sein sollen. Die drei kurdischen Minister haben noch immer nicht den Eid vor dem Parlament geleistet, und die wichtigen Posten des Verteidigungs- und Innenministers sind vakant, obwohl Malikis Nachfolger den Abgeordneten bei seiner Amtseinführung versprochen hatte, innerhalb einer Woche mehrheitsfähige Kandidaten zu präsentieren. "Bis jetzt wurde keine Bedingung von uns erfüllt", beklagt Scheich Matlb die bisherige Zurückhaltung der Sunniten im Kampf gegen den IS. Eine davon ist, die ziellosen Luftangriffe auf Zivilisten in Falludscha zu stoppen. Dass dies nicht passiert, hat der Scheich soeben am Telefon erfahren.