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Nachwuchs aus dem Reagenzglas

Von Ingeborg Hirsch

Reflexionen
Das Londoner Science Museum präsentiert aktuell die Geschichte der künstlichen Befruchtung.
© Science Museum London

Am 25. Juli 2018 feiern Louise Joy Brown wie auch die In-Vitro-Fertilisation ihren 40. Geburtstag. Louise Joy kam als weltweit erstes Retortenbaby in England zur Welt.


"Meine Eltern trafen Vorsorge, dass ich ganz normal aufwachsen konnte", sagt sie. "Abgesehen vom großen Medieninteresse an meiner Person ist mein Leben so verlaufen, als hätten mich meine Eltern auf natürlichem Weg empfangen. Ich arbeite fünf Tage in der Woche als Angestellte und habe einen Ehemann und zwei Buben." Seit dem Tod ihres Vaters im Jahr 2007 werden alle Medienanfragen über eine Agentur abgewickelt. Dazu kommen Einladungen von Fruchtbarkeitskliniken und Interessensvertretungen und Anfragen von Autoren, Filmemachern und Autogrammjägern. Manchmal schickt auch jemand ein Gedicht. Die Frage, die Louise Joy Brown am häufigsten gestellt wird, ist, wie sie von ihrer Retortenzeugung erfahren hat.

Das Science Museum in London widmet der Geschichte der In-Vitro-Fertilisation derzeit eine eigene Ausstellung, die noch bis November 2018 gezeigt wird und deren Titel "IVF: 6 Millionen Babys später" bereits auf den Erfolg der künstlichen Befruchtung anspielt. Heute ist die Reproduktionsmedizin eine weltumspannende Milliardenindustrie. Der Weg dorthin war ein schwieriger, und selten hat eine neue Methode derartig kontroverse Diskussionen in Gesellschaft, Kirche und der Wissenschaftsgemeinde ausgelöst.

Erst mit der Geburt des ersten Retortenbabys begann sich die öffentliche Stimmung zu drehen, denn beim Anblick des herzigen und gesunden Babys, das von vielen Fotos lachte, wirkte die vorherige Argumentationslinie, dass solche Kinder im Widerspruch zu Schöpfung und naturgewolltem Fortpflanzungsgeschehen stünden, nicht angebracht.

Reifung der Eizellen

Begonnen hat alles mit dem 1925 geborenen englischen Biologen und Physiologen Robert Geoffrey Edwards, der sich anhand von Mäuseeizellen mit Fruchtbarkeitszyklen und künstlicher Besamung auseinandersetzte. Nach einem Studienaufenthalt in den USA nahm er seine Tätigkeit am National Institute for Medical Research in London auf, wo er an der Entwicklung einer empfängnisverhütenden Impfung für Frauen forschte. Nebenbei beschäftigte er sich weiterhin mit Eizellen, ihren Reifungsschritten und den Möglichkeiten einer künstlichen Befruchtung.

In den frühen 1960er Jahren wurde Edwards die weitere Forschung an der künstlichen Befruchtung untersagt und er wechselte an die Universität von Cambridge, wo er erstmals sein Konzept der Befruchtung im Reagenzglas publizierte. Nun begann die Zusammenarbeit mit Patrick Steptoe, Gynäkologe am Oldham General Hospital, der eine Methode entwickelt hatte, weibliche Eizellen durch einen kleinen Eingriff durch die Bauchdecke (Laparoskopie) entnehmen zu können, und der genauso wie Edwards die Vi-sion hatte, die Unfruchtbarkeit zu überwinden. Die dritte im Bunde war die Krankenschwester und Labortechnikerin Jean Purdy, die heute in vielen Publikationen vergessen wird.

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Die "Oldham Notebooks", von denen Auszüge in der aktuellen Ausstellung gezeigt werden, dokumentieren die Forschungsarbeiten von 1969 bis 1978: über 400 Eizell-Entnahmen, mehr als 300 Befruchtungsversuche, rund 220 befruchtete Embryos und fünf Schwangerschaften verzeichnen diese Bücher. Ein Teil dieser Unterlagen ist aufgrund der persönlichen Patientendaten bis 2078 unter Verschluss.

Es gab eine Reihe von Problemen und Rückschlägen zu bewältigen, denn so einfach im Prinzip die Idee der In-Vitro-Fertilisation klingt, eine Eizelle in einer Glasschale mit Sperma zu befruchten und danach in die Gebärmutter einzusetzen, so kompliziert ist die Ausführung in der Praxis. Eizellen und Sperma brauchen eine bestimmte Umgebung, um lebensfähig zu bleiben, und auch der Transfer und die Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter stellten sich als kompliziert heraus. Um Verhalten und Bedürfnisse von befruchteten Eizellen im Reagenzglas studieren zu können, wurden Frauen, die vor einer geplanten medizinischen Gebärmutterentnahme standen, gebeten, vorher noch Sex mit ihrem Partner zu haben. Viele der durchgeführten Eingriffe würden heute von den Ethikkommissionen der Forschungs- und Spitalsreinrichtungen nicht mehr genehmigt werden.

Auf Kongressen wurden Edwards und Steptoe von Kollegen entweder geschnitten oder kritisch hinterfragt. Ansuchen um Forschungsgelder wurden abgelehnt, und die beiden mussten mit einem Schmalspurbudget weiterarbeiten. Kein Wunder, dass sie diese Situation zusammenschweißte und eine enge lebenslange Zusammenarbeit begründete; trotz frustrierender Ergebnisse hielten sie stur an ihrem Ziel fest und machten weiter. Als 1978 das erste Retortenbaby durch Kaiserschnitt geboren wurde und sich die In-Vitro-Fertilisation auch in den folgenden Jahren als grundsätzlich sichere Methode herausstellte, verstummten viele Kritiker, während Teile der römisch-katholischen Kirche an ihren Einwänden festhielten - und das bis heute tun.

Urin der Nonnen

Paradoxerweise waren es aber auch katholische Einrichtungen, die einen wesentlichen Beitrag für den Erfolg der In-Vitro-Fertilisation geleistet haben. Denn, um gleichzeitig mehrere reife Eizellen zu gewinnen, die entnommen und befruchtet werden können, muss man diese hormonell stimulieren. In den Anfangsjahren der Fortpflanzungsmedizin wurden die dazu benötigten weiblichen Hormone aus Urin gewonnen. Die damaligen pharmazeutischen Marktführer auf diesem Gebiet waren die Firmen Organon und Serono. Letztere sammelte durch ihre guten Verbindungen zum Vatikan Urin in Nonnenklöstern, da hier kaum männliche "Verunreinigungen" zu erwarten waren.

Jährlich wurden nach Recherchen der "Neuen Zürcher Zeitung" bis zu 70 Millionen Liter Urin auf diese Weise gesammelt und weiterverarbeitet. Heute werden für die Eizellstimulation auf biotechnologischem Weg hergestellte (sogenannte rekombinante) Hormone eingesetzt. Manche Einrichtungen haben sich auch darauf spezialisiert, durch genaue Beobachtung mit der natürlichen Eizellreifung zu arbeiten, was der Patientin die oft nebenwirkungsreiche Behandlung mit Hormonen erspart, aber auch sehr viel Flexibilität von allen Beteiligten verlangt.

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Die In-Vitro-Fertilisation ist eine Möglichkeit, den weiblichen Ursachen der Unfruchtbarkeit zu begegnen. Das sind vor allem nicht durchgängige Eileiter, ein polyzystisches Ovar (eine Stoffwechselstörung, die zu Unfruchtbarkeit führt) oder Endometriose (hormonell bedingte Verwachsungen und Abwanderung von Gebärmutterschleimhaut in andere Regionen). Allerdings liegen auch viele Ursachen der Unfruchtbarkeit, wie zu wenige oder unbewegliche Spermien, bei den Männern. Hier wird mit einer weiteren, in den 1990er Jahren an der Medizinischen Universität von Brüssel entwickelten Methode Abhilfe geschaffen: Bei der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird ein einzelnes Spermium, das entweder durch Ejakulation oder durch direkte Entnahme aus dem Hoden gewonnen wird, in die entnommene reife Eizelle eingebracht, die danach in die Gebärmutter eingesetzt wird.

Trotzdem gibt es reife Eizellen, die sich nach Aufnahme eines Spermiums nicht zu teilen beginnen, sondern in einen Ruhezustand verfallen, wofür es nach heutigem Wissensstand keine Erklärung gibt. Im Normalfall werden gleichzeitig mehrere reife Eizellen befruchtet, um die am besten geeigneten in die Gebärmutter übertragen zu können. Gemäß Empfehlung sollten nicht mehr als drei Embryonen eingesetzt werden, um Mehrlingsschwangerschaften zu verhindern. Die tatsächliche Anzahl wird individuell entschieden, wobei die Methoden immer ausgefeilter werden und damit oft bereits ein einzelner Embryo ausreichend ist. Die übrigen befruchteten Eizellen werden als Reserve tiefgefroren und für weitere Behandlungszyklen aufbewahrt.

Die In-Vitro-Fertilisation zeigt auch einen interessanten Nebeneffekt: Viele Frauen werden nach einer Behandlung, egal, ob diese erfolgreich war oder nicht, auf natürlichem Weg schwanger. Die Ursachen dafür sind nicht genau bekannt. Mögliche Ansätze sind, dass die Hormonsituation einer Frau verbessert und die psychische Anspannung, ausgelöst durch den dringlichen Kinderwunsch, durchbrochen wird.

"Psychische Entspannung hilft enorm", resümiert der Gynäkologe Peter Husslein. "Das klassische Beispiel ist eine Patientin mit starkem Kinderwunsch, die nach nicht erfolgreichen Behandlungen aufgibt und ein Kind adoptiert. Kurz darauf wird sie spontan schwanger. Allerdings ist es schwierig, aus solchen Einzelbeobachtungen wissenschaftliche Schlüsse abzuleiten."

Stammzellforschung

Laut der Europäischen Gesellschaft für Humanreproduktion und Embryologie werden jährlich weltweit mehr als 350.000 Babys mit Hilfe von künstlicher Befruchtung geboren. Die globale Erfolgsrate liegt bei knapp 20 Prozent in Bezug auf alle durchgeführten Versuche. Die Erfolgsrate ist stark altersabhängig und bei den unter 30-Jährigen am höchsten. In der langfristigen Entwicklung hat allerdings das Alter der Paare, die die Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen, deutlich zugenommen. Auch wenn heute Vierzigjährige viel jünger wirken als ihre Mütter und Großmütter, ihre Biologie ist es nicht, und damit sind die Chancen für eine Schwangerschaft deutlich geringer. Medien berichten gerne über Prominente, die im späten Alter noch Kinder austragen, aber dass hier meist Eizellspenden junger Frauen verwendet wurden, wird öffentlich kaum kommuniziert.

Mit der In-Vitro-Fertilisation entwickelten sich nicht nur Eizell-, Spermien-, und Embryobanken, in denen diese tiefgekühlt aufbewahrt werden, sondern auch die Präimplantationsdiagnostik, bei der vor Einsetzen des Embryos in die Gebärmutter durch eine kleine Zellentnahme mögliche Krankheiten, aber auch sonstige Eigenschaften festgestellt werden können.

Ebenso wurde der Grundstein für die humane Stammzellforschung gelegt, die für Teile ihrer Arbeit auf befruchtete Eizellen zurückgreift, um daraus Erkenntnisse und Behandlungsmethoden für verschiedene Krankheiten wie Parkinson oder Makuladegeneration zu entwickeln. Viele Fragen, wie mit diesen und zukünftigen Möglichkeiten ethisch und medizinisch umgegangen werden soll, werden national und religionsbedingt unterschiedlich beantwortet oder sind überhaupt noch offen.

2010 wurde Robert Edwards für seine grundlegenden Arbeiten zur Reproduktionsmedizin der Nobelpreis für Medizin verliehen, allerdings war er zu diesem Zeitpunkt schon zu krank, um die Ehrung persönlich entgegenzunehmen. Patrick Steptoe war bereits 1988 verstorben.

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Ingeborg Hirsch, geboren 1966, ist Biologin und arbeitet als freie Autorin und Lektorin in Wien.