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Nahost - ein Feld für Missionare

Von Engelbert Washietl

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Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Daniel Barenboim und Barack Obama arbeiten in zwei Berufswelten für die gleiche gute Sache. Das Krisenmanagement für den Nahen Osten sollte auch Europa interessieren.


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In den Augen der meisten Europäer bestand das weltpolitische Ereignis des Juni im Stimmenzählen letzten Sonntag. Die Wahl des EU-Parlaments ist ja gewiss wichtig gewesen. Jetzt tragen die Chef-Innenpolitiker der 27 EU-Staaten das Ergebnis, das eigentlich das kumulierte Kräfteverhältnis aller Parteien in Brüssel spiegelt, nach Hause und nationalisieren es für ihre parteipolitischen Ränkespiele. Sozialdemokraten behandeln ihre Blessuren, Konservative freuen sich ihres relativen Überlebens, und alle zusammen fürchten sich weiterhin vor unkontrollierbaren Protestwählern.

Viel Energie für Europas weltpolitische Performance bleibt da nicht übrig. Dabei liegen die Herausforderungen auf der Hand. Die Bannung der Wirtschaftskrise gehört dazu, aber das Wort kann schon keiner mehr hören. Und dann ist in der vergangenen Woche noch etwas passiert, was die Europäer aufhorchen lassen sollte: US-Präsident Barack Obama wandte sich, nachdem er die Grundzüge einer neuen Nahostpolitik festgezurrt hatte, in Kairo in einer Rede an die muslimische Welt.

Es beginnt tatsächlich eine neue Phase der Nahostpolitik, auch wenn ihre Früchte noch nicht sichtbar sein können. Auch in der Vergangenheit gab es schon etliche solcher Phasen, leider versanken sie jedes Mal entweder in diplomatischen Blockaden, in Bluttaten wie der Ermordung des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat 1981 und des israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin 1995 durch Extremisten des jeweils eigenen Lagers oder gar in Kriegen. Hoffnungen zerschellten auch an Ignoranz - diese schien rund acht Jahre lang von US-Präsident George W. Bush gepachtet zu sein.

Der 66-jährige Daniel Barenboim, genialer Dirigent und Pianist, nutzte vorigen Donnerstag das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn zu einem für das anwesende Publikum und die Fernsehzuschauer eindringlich wirkenden politischen Vorstoß. Er rühmte Obamas Kairo-Rede und drückte die Hoffnung aus, dass er mit den Philharmonikern irgendwann doch in allen diesen Ländern des Nahen Ostens auftreten könnte. Als Gründer des "west-östlichen Diwan Orchesters", das sich aus jüdischen und arabischen Musikern der Krisenregion zusammensetzt, hat sich Barenboim einen Namen als politischer Missionar im Reich der Musik gemacht.

Es war das in Wien nicht der erste derartige Vorstoß Barenboims. Der außergwöhnliche Künstler besitzt die israelische, spanische und argentinische Staatsbürgerschaft und dazu noch eine palästinensische Ehrenbürgerschaft. Wie ein humanitärer Alien reist er durch eine unfriedliche Welt. Viele Israelis betrachten ihn als Verräter an ihrer Sache. Wenn er aber wie im vergangenen April in der Oper von Kairo das ägyptische Symphonieorchester dirigieren darf, wird Barenboim von ägyptischen Medien als verhasster Israeli attackiert.

Schon möglich, dass der Dirigent in Europa genauso belächelt wird wie manchmal auch Obama. Beide scheinen Utopien nachzujagen, die mit der Realität wenig zu tun haben. Und doch: Sie zeigen mit ihrem Optimismus, dass politischer Fortschritt nur jenseits der Grenzzäune, Mauern und kriegerischen Strategien möglich ist.

Europa ist zu missionarischen Taten nicht fähig und sollte solche auch gar nicht probieren. Es würde genügen, durch eine gezielte und sachliche Schwerpunktpolitik für Gerechtigkeit im Nahen Osten mitzuhelfen, dass größere Entwürfe endlich zum ersehnten Erfolg führen.