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Nahrung: Droht neue Preisrallye?

Von Claudia Peintner

Wirtschaft

Preisexplosion von 2008 bleibt laut OECD kein Einzelfall. | Brasiliens Aufstieg als Fleisch-Exporteur. | Wien. Die Inflation ist EU-weit schon am Boden - dennoch prophezeien Experten künftig saftige Erhöhungen der Lebensmittelpreise.


So dürften etwa die Getreidepreise in den kommenden zehn Jahren inflationsbereinigt zehn bis zwanzig Prozent über dem Durchschnitt von 1997 bis 2006 liegen, schätzen OECD und die UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung FAO.

Auch von einem 30-prozentigen Preisanstieg bei Pflanzenöl ist im "Landwirtschaftsausblick 2009" bis 2018 die Rede. Doch wie ist das möglich?

"Die Agrarproduktion ist ein energieaufwendiges Geschäft. Wenn die Preise für das knappe Rohöl steigen, steigen auch die Nahrungsmittelpreise", sagt Stefan Tangermann, ehemaliger OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft.

Die Verteuerung beim Getreide führt er auf die weltweit niedrigen Lagerbestände zurück. Aber auch der in den letzten Jahren aufkommende Trend hin zu Biotreibstoffen hinterlässt seine Spuren: Ein Drittel der Nachfrage nach Mais, Raps & Co. entfalle bereits auf die "durch staatliche Förderung herbeigeführte" Biospritnachfrage, sagt Tangermann kritisch.

Da Nahrungsmittel die Grundversorgung bilden, durchtaucht die Landwirtschaft laut OECD-Angaben die Wirtschaftskrise wesentlich besser als andere Bereiche. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie etwa Milch. "Die Milchpreise, die derzeit vergleichsweise niedrig sind, haben den Konjunktureinbruch zu spüren bekommen", so der Agrarökonom Tangermann. Was die Zukunft angeht, müssten sich die Milchbauern keine Sorgen mehr machen. Mit der wirtschaftlichen Erholung werde auch die Nachfrage aus Indien und China anspringen.

Preisschwankungen

Auf nahezu stabile Preise dürfen Konsumenten künftig bei Zucker und Fleisch hoffen. Ein möglicher Grund: "Brasilien hat einen sehr stark expandierenden Agrarsektor. Es gibt großes Potenzial, Geflügel oder Rindfleisch zu günstigen Preisen zu produzieren", so Tangermann.

Für viel Zündstoff wird weiterhin das Thema Preisrallye sorgen: Extreme Preisschwankungen im Lebensmittelsektor wie 2008 seien auch in Zukunft wahrscheinlich, geht aus dem Agrarbericht hervor.

"Schuld an den hohen Preisen 2008 waren vor allem die spekulativen Käufer und nicht die Ernteergebnisse", ist Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister vom Wifo überzeugt.

Um die Rohstoffmärkte vor Spekulanten zu schützen, sei ein schnelles Eingreifen der Politik erforderlich. Abhilfe würde etwa die Einführung einer Finanztransaktionssteuer schaffen, so der Wirtschaftsforscher. Es helfe aber auch, die Teilnehmer an den Warenterminbörsen unter die Lupe zu nehmen. Schulmeister: "Warum handelt etwa eine Bank mit Milchkontrakten?"

Anderer Meinung ist Agrarökonom Tangermann: "Die Rolle der Spekulanten wird überbewertet." Er führt die Preisrallye - etwa auch bei Kakao- oder Kaffeebohnen - auf die Witterung zurück, die in Zukunft nicht mehr gleichmäßig verlaufen werde. Ein großer Fehler sei zudem, dass Länder wie die Philippinen oder Indien ihre Reisexportmärkte aus Knappheitsängsten dichtmachen. Das hätte 2008 die Reispreise zusätzlich künstlich in die Höhe getrieben.