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Namenlos und ohne Alter

Von Petra Tempfer

Politik
Wer auch immer sich hinter der Bewerbung verbirgt - potenzielle Vorurteile sollen Unternehmen nicht davon abhalten, dass er oder sie zu einem Gespräch eingeladen wird.
© © nataliasheinkin - Fotolia

Ausschließlich die Qualifikation soll für die Bewerbung entscheidend sein.


Wien. Der Name? Unbekannt. Alter, Familienstand Geschlecht und Aussehen? Ebenfalls nicht angeführt - allein die Qualifikationen zählen. So sieht ein Bewerbungsschreiben jenes Pilotprojektes der Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek aus, das Anfang November starten soll. Anonymisierte Erstkontakte sollen verhindern, dass Unternehmen aufgrund von Vorurteilen bestimmte Personengruppen erst gar nicht zu einem Bewerbungsgespräch einladen. Das Vorhaben stützt sich auf ein vor kurzem in Deutschland durchgeführtes Projekt, an dem Ministerien, Verwaltungsstellen und internationale Unternehmen beteiligt waren (die "Wiener Zeitung" berichtete). Das Ergebnis: Frauen und Migranten wurden wesentlich häufiger zu Gesprächen eingeladen.

Vor allem diese Gruppen sind es, die laut Ministerin von anonymen Bewerbungen profitieren sollen. Seien sie doch am häufigsten von Vorurteilen und Diskriminierung betroffen. "Frauen werden noch immer gefragt, ob sie schwanger werden möchten, und fremd klingende Namen verhindern oft die Einladung zum Bewerbungsgespräch", so Heinisch-Hosek.

Am Pilotprojekt in Österreich machen mit der Handelskette Rewe und dem Glücksspielkonzern Novomatic vorerst zwar nur zwei Unternehmen mit. Sobald die von Studenten der Wirtschaftsuniversität Wien ausgewerteten Ergebnisse vorliegen, kann sich Heinisch-Hosek allerdings eine gesetzliche Verankerung vorstellen. Ausschlaggebend wird sein, ob sich durch das anonymisierte Bewerbungsverfahren die Aufnahmepraxis tatsächlich verändert.

Auch die Grünen haben bereits mehrmals auf diese Art der Bewerbung gedrängt. Frauensprecherin Judith Schwentner und Menschenrechtssprecherin Alev Korun fordern anonyme Bewerbungsverfahren zumindest für den öffentlichen Dienst. Als erste Bewerbungsunterlage sollen standardisierte anonymisierte Formulare verwendet werden, in denen lediglich die Qualifikation abgefragt wird. Im englischsprachigen Raum seien anonyme Bewerbungen gang und gäbe, Belgien hat sie für den öffentlichen Dienst 2005 eingeführt.

"Potenzial geht verloren"

Integrations-Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) sprach sich ebenfalls für die anonyme Bewerbung aus. Negativ steht dieser hingegen FPÖ-Frauensprecherin Carmen Gartelgruber gegenüber. "Unternehmen sollen sich zumindest noch aussuchen dürfen, wen sie einstellen wollen. Spätestens beim persönlichen Gespräch wird ohnehin ausselektiert", meint sie.

Ali Rahimi vom Verein "Wirtschaft für Integration" und selbst Unternehmer begrüßt indes das Pilotprojekt. Finden doch laut einer aktuellen OECD-Studie rund 30 Prozent der Einwanderer in Österreich keine Arbeit, die ihrem Ausbildungsniveau entspricht. "Hier geht viel Potenzial verloren", sagt Rahimi.

Diese Ansicht vertritt auch die Menschenrechtsorganisation "SOS Mitmensch". Sie fordert die schrittweise flächendeckende Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren sowohl im öffentlichen Bereich als auch in privaten Unternehmen.