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Nano: Die Technikfolgenabschätzung hinkt weit hinter der Entwicklung her

Von Christa Karas

Analysen

Nichts Genaues weiß man nicht: Auf diesen hanebüchenen Satz lässt sich sogar das Expertenwissen in Sachen Nanotechnologie reduzieren, obwohl diese längst Eingang in unseren Alltag gefunden hat, ihr Nutzen außer Zweifel steht und ihr Zukunftspotenzial gewaltig ist. - Doch wo so viel Sonne ist, muss es irgendwo auch Schatten gegeben; und ein besseres Beispiel dafür, wie weit eine Entwicklung fortschreiten kann, ehe mögliche unerwünschte Folgen bekannt sind, dürfte sich derzeit schwerlich finden.


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Hier käme eigentlich die spät entwickelte Disziplin der Technikfolgenabschätzung ins Spiel und die dafür Zuständigen bemühen sich auch redlich, mehr über die Risiken in Erfahrung zu bringen - allein, wo selbst die Grundlagenforschung derartige Löcher aufweist, wie sich soeben bei einer Expertentagung des Innsbrucker Universitätszentrums in Obergurgl zeigt, kann es nur bei solchen Bemühungen bleiben.

Gewiss, es gibt einzelne Studien über potenzielle Gefahren auf Teilgebieten der Nanotechnologie, aber noch fehlt ihnen die Aussagekraft. In der Tat dringen Nanopartikel, egal ob aus Vulkanstaub oder Treibstoff, bis in die Lunge ein, aber welche Bedeutung dies hat, beruht auf Schätzungen - je nachdem, ob sich Umweltschützer oder Fabrikanten dafür interessieren. Und wenn sich zeigt, dass und wie medizinisch eingesetzte Nanopartikel in Zellkulturen die Erbsubstanz DNA verändern können, so ist dennoch unklar, ob dies auch zu Schädigungen führt. Womit man wieder beim Fazit der Wissenschafter ist: Nanopartikel haben auch Auswirkungen, die bisher nicht bekannt sind und die noch weit besser erforscht werden müssen.

Doch dafür benötigt man eine Vielzahl unabhängiger Forschungscluster zur internationalen und interdisziplinären Zusammenarbeit sowie großzügige Mittel in beträchtlicher Höhe. Ein diesbezüglicher "Masterplan" ist freilich nicht einmal in Ansätzen vorhanden.

Indessen lesen wir von verstörenden "Zwischenfällen" wie jenem in China, wo Dutzende Arbeiterinnen einer Lackiererei starben oder irreversibel erkrankten, weil sie über Monate hinweg in ungelüfteten Räumen und ohne Schutzmasken einer Invasion von Nanopartikeln ausgesetzt waren. Ein krasses Beispiel, zugegeben. Bedenkt man aber, dass die Folgen nur selten derart augenfällig sind, so ist das nicht minder verstörend.

"Rauchen kann tödlich sein": Keine Zigarettenpackung, die uns nicht vor Gefahren warnt, die wir seit Jahrzehnten ohnehin kennen. Vor den möglichen Gefahren der Nanotechnologie warnt uns indessen nichts und niemand. Sie müssen offensichtlich erst unübersehbar eingetreten sein, ehe es dazu kommt. Weil in diese Forschung bisher zwar große Summen zur Entwicklung geflossen sind, viel zu geringe aber zur Abschätzung der Technologiefolgen.

Siehe auch:Nanowelt noch längst nicht erforscht