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Natalja Estemirowa, todesmutige Aktivistin

Von WZ Online / Ulf Mauder

Politik

Moskau. Für viele Menschen im früheren russischen Kriegsgebiet Tschetschenien war die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa die letzte Hoffnung. Die 50-Jährige verstand sich wie ihre 2006 ermordete Kollegin Anna Politkowskaja als Anwältin für die Interessen der Tschetschenen.


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Unerschrocken ermittelte sie auf eigene Faust, wenn es Entführungs-, Folter- oder sogar Mordvorwürfe gegen die Milizen des berüchtigten Präsidenten Ramsan Kadyrow gab. Dabei war der Historikerin, die auch als Lehrerin gearbeitet hatte, klar, dass ihr Engagement lebensgefährlich ist.

Getrieben von einer in Russland wenig verbreiteten Zivilcourage deckte Estemirowa im Auftrag der Organisation Memorial Menschenrechtsverstöße auf. Ihre Enthüllungen über die Verbrechen gegen Zivilisten waren immer eine scharfe Anklage gegen die tschetschenische Führung. "Ich fühle, dass ich die Arbeit von Anna Politkowskaja fortsetzen muss", hatte sie einmal gesagt.

Nach der Ermordung des Menschenrechtsanwalts Stanislaw Markelow im Jänner in Moskau flehten Freunde Estemirowa an, sie möge auch ihrer 16-jährigen Tochter zuliebe Tschetschenien verlassen. Doch die 1959 in einer tschetschenisch-russischen Familie bei Saratow an der Wolga Geborene konnte sich nie von der Teilrepublik trennen. In der auch nach dem Krieg von Gewaltexzessen erschütterten Region im Nordkaukasus war die adrette Frau die wohl prominenteste Menschenrechtsaktivistin überhaupt.

Öffentliche Enthüllungen

Ihre Enthüllungen machte sie auch als Fernsehjournalistin öffentlich. Sie schrieb wie Politkowskaja viele Beiträge für die regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta". Dabei machte sie sich auch in der tschetschenischen Führung viele Feinde. Wohl nicht zuletzt deshalb sieht ihr Arbeitgeber, die 2004 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Menschenrechtsorganisation Memorial, die Drahtzieher des Mordes bei dem kremltreuen Kadyrow.

Zuletzt hatte Estemirowa mitgeteilt, dass Kadyrows Leute in einem tschetschenischen Dorf Bewohner überfallen und einen Mann öffentlich hingerichtet hätten. Kadyrow warnte die Bevölkerung wiederholt davor, islamistischen Rebellen, die für eine Unabhängigkeit Tschetscheniens kämpfen, zu helfen. Der schon von Politkowskaja als Kriegsverbrecher beschimpfte Kadyrow kritisierte Estemirowas Arbeit bis zuletzt scharf, wies eine Schuld an dem Mord vom Mittwoch aber zurück.

Verweigerte Kopftuch

In der islamischen Kulturwelt in Tschetschenien, wo Frauen zum Tragen des Kopftuchs aufgefordert sind, stach die selbstbewusste Estemirowa hervor. Sie selbst trug aus Prinzip kein Kopftuch über ihrem braunen Haar. Auch westliche Journalisten wurden Zeugen, wie die zarte Frau von Kadyrows Leuten auf Übelste als Verräterin beschimpft wurde. Verabredungen waren mit der strengstens überwachten Frau nur gegen den Widerstand der Behörden möglich. Sie selbst redete wie eine Getriebene schnell und sachlich auf den Punkt konzentriert über ihre Arbeit - dabei stellte sie immer die Schicksale verzweifelter Menschen in den Mittelpunkt. (APA)

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