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Nato-Streit über Afghanistan-Strategie

Von Stephanie Lob

Politik

USA und Großbritannien wollen mehr Einsatz von den Verbündeten. | Jung irritiert mit Russen-Vergleich. | Sevilla. (afp) Ein siegesgewisser US-Verteidigungsminister Robert Gates und skeptische Europäer: Das Nato-Treffen im südspanischen Sevilla hat die tiefe Spaltung des Bündnisses beim Thema Afghanistan gezeigt. Während die USA und die Nato-Spitze seit Monaten mehr Bodentruppen fordern, halten sich große Mitgliedstaaten wie Deutschland, Frankreich oder Spanien betont zurück.


Die deutsche Bundesregierung hat sich durch die umstrittene Entsendung von sechs Tornados vorerst aus der Schusslinie gezogen. Doch sobald die Taliban ihre Frühjahrsoffensive beginnen, dürften neue Krisenrufe laut werden.

"2007 ist ein entscheidendes Jahr". Mit diesem Appell versuchte US-Verteidigungsminister Robert Gates die Verbündeten in Sevilla auf eine Linie einzuschwören. Und dennoch - einig sind sich die Nato-Staaten nur in einem: Der Einsatz in Afghanistan ist der schwierigste in der Geschichte des Bündnisses. Im Kampf gegen Terror und Taliban ist die Allianz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Hindukusch gezogen. Gut fünf Jahre später ist die Bilanz düster: Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bleibt unauffindbar. Die Taliban schlagen immer brutaler zurück. 2006 war mit fast 4.000 Toten das mit Abstand blutigste Jahr seit Beginn des Einsatzes.

Wenn da der neue Pentagon-Chef Gates einen baldigen Sieg beschwört und eine Frühjahrsoffensive ausruft, mag das manchen Europäer befremden. Denn auf den Ruf von Nato-Oberbefehlshaber Bantz Craddock nach 2.000 zusätzlichen Soldaten ging niemand in Sevilla ein. Die Zusagen bleiben die altbekannten: Washington lässt rund 3.000 Soldaten länger im Land. Großbritannien hat weitere 800 Mann zugesagt, Polen rund 1.000. Und auch die Bundeswehr-Tornados sind streng genommen nur Lückenbüßer. Sie ersetzen britische Harrier-Maschinen. Italien erwägt sogar einen Abzug seiner 2.000 Soldaten.

Mehr Anstrengungen für Wiederaufbau

Offiziell verfolgt die Nato in Afghanistan eine Doppelstrategie: Der Kampf gegen die Taliban soll mit stärkeren Anstrengungen beim Wiederaufbau einhergehen. Das ist auch die Linie der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hinter den Kulissen jedoch brodelt es. Denn für die USA und Großbritannien hat das Militär Priorität. Von den 10,6 Milliarden Dollar (rund 8,1 Milliarden Euro), die Washington Ende Jänner in Aussicht stellte, soll der Löwenanteil in die Stärkung der afghanischen Armee und der Polizei fließen.

Länder wie Deutschland halten militärische Mittel dagegen nicht für den Königsweg. Für Irritationen sorgte Verteidigungsminister Jung in Sevilla mit einem historischen Vergleich. "Als die Russen in Afghanistan waren, hatten sie 100.000 Soldaten dort und haben den Prozess nicht gewonnen", sagte er mit Blick auf die Sowjets, die 1989 nach einem Jahrzehnt erfolgloser Kämpfe abzogen. Viele US-Journalisten sahen darin eine unverblümte Kritik an Washington, das mit 14.000 Soldaten den größten Teil der Isaf-Schutztruppe mit rund 35.000 Mann stellt.

Da wirkt es fast wie Ironie, wenn ausgerechnet der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow dem Bündnis Tipps gibt: Die Nato müsse die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan unter ihre Kontrolle bringen, die als Einfallstor für Waffenlieferungen an die Extremisten gilt, riet er. Zudem dürfe der "Drogenstaat" nicht weiter geduldet werden. "Russland ist bereit, jede Hilfe anzubieten", schloss Iwanow. "Mit einer Ausnahme: Der Entsendung von Truppen."