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Natur hat Vorrang

Von Alexandra Grass

Wissen
Das Johanniskraut ist Arzneipflanze des Jahres 2015.
© corbis

Isoflavone, Johanniskraut und Co können bei Wechseljahresbeschwerden als Alternative zur Hormonersatztherapie für Linderung sorgen.


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Wien. Fast die Hälfte der Österreicherinnen zwischen 45 und 55 Jahren leidet unter Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Libidoverlust und Kopfschmerzen. Dies alles sind genau jene Unpässlichkeiten, die im Zuge der Menopause in Erscheinung treten können. Also in jener Zeit, in der die Reproduktionsfähigkeit der Frau ihren Ausklang findet.

Die Hauptverantwortlichkeit liegt bei drei Hormongruppen - dem Gelbkörperhormon Progesteron, dem Östrogen und den Androgenen, schilderte der Hormonexperte Johannes Huber im Rahmen des derzeit in Wien stattfindenden Menopausekongresses. Sie werden im weiblichen Eierstock produziert und fallen mit dem Älterwerden hintereinander aus. Progesteronmangel zeigt sich in unregelmäßigen Zyklen und depressiven Verstimmungen. Fallen Östrogen und Androgen ab, dann leiden der Schlaf, das Herz und die Schönheit. Der Cholesterinspiegel und der Blutdruck steigen, die Körpersilhouette verändert sich und ein Libidoverlust setzt ein. Erfreulich dabei ist, dass diese Negativspirale durchbrochen werden kann.

Studie zeigt Beliebtheit

So könnte etwa eine Hormonersatztherapie Abhilfe schaffen. Doch die Österreicherinnen setzen viel lieber auf die Kraft der Pflanzen, wie eine aktuelle GfK-Studie im Auftrag der Grazer Pharmafirma Apomedica zeigt. 42 Prozent der Frauen nehmen demnach zur Linderung ihrer Wechseljahresbeschwerden pflanzliche Präparate ein. Die Natur hat auf diesem Gebiet auch reichlich zu bieten. "Dabei handelt es sich nicht um Hexenmedizin", betonte der deutsche Pharmazeut Mathias Schmidt, denn einige Pflanzen seien was ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit anbelangt, schon sehr gut wissenschaftlich dokumentiert. Vor allem bei den Isoflavonen und dem Johanniskraut ist die Zahl der Publikationen in den letzten Jahren immer weiter angestiegen.

In der Menopause kommt besonders den Isoflavonen, wie sie in Soja oder Rotklee enthalten sind, eine besondere Bedeutung zu. Sie zählen zu den sogenannten Phytoöstrogenen und sind sekundäre Pflanzenstoffe, die eine strukturelle Ähnlichkeit mit den menschlichen Östrogenen aufweisen. Ein Blick in den asiatischen Raum, wo sojareiche Nahrungsmittel traditionell auf dem täglichen Speiseplan stehen, zeigt, dass Frauen in diesen Regionen seltener an Brust- und Gebärmutterkrebs erkranken als jene im Westen. Dies liegt daran, dass Isoflavone vorzugsweise am Östrogen-Rezeptor Beta binden, dessen Aufgabe es ist, vor überschießenden Effekten der Östrogene zu schützen. "Sie haben keinen Einfluss auf den weiblichen Zyklus oder die Proliferation hormonsensitiver Gewebe (Anm. die Tumorentstehung)", erklärte Schmidt. Soja wirke demnach schützend vor Wechseljahresbeschwerden, Osteoporose und Krebs.

Wirksamkeit und Sicherheit der Isoflavone wurden erst kürzlich von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit bestätigt, berichtete der italienische Mediziner Andrea Riccardo Genazzani, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Gynäkologie und Endokrinologie.

Aber auch das vom interdisziplinären Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Uni Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2015 gekürte Johanniskraut kommt verstärkt in der Menopause zum Einsatz. Die Pflanze wirkt stimmungsaufhellend und angstlösend und wird bei leichten bis mittelschweren Depressionen immer häufiger als Alternative zum Antidepressivum verabreicht.

Hierzulande noch eher weniger bekannt ist Griffonia simplicifolia - eine afrikanische Arzneipflanze mit einem hohen Gehalt an Serotoninvorläufersubstanzen, die als Glück als aus der Bohne unterstützend wirken soll.

Im Gegensatz zu chemischen Substanzen lässt bei pflanzlichen Präparaten jedoch der Wirkungseintritt etwas länger auf sich warten. Dennoch wird immer häufiger der Natur Vorrang gewährt.