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Natur in der Stadt

Von Ina Weber

Mehr Brunnen, mehr Wasseroberflächen, mehr Wasserbesprühungsanlagen sollen laut MA 22 in Wien gebaut und erhalten werden.
© MA22

Das EU-Projekt "Urban Heat Islands" (UHI) setzt auf Maßnahmen, die die Hitze der Städte minimieren sollen.


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Wien. "In der Nacht wird es gar nicht mehr richtig dunkel", sagte unlängst ein Freund, dem die zunehmende Beleuchtung der Stadt aufgefallen war. "Die natürliche Nachtkühlung, die seit Jahrzehnten noch normal war, schwindet zunehmend. Es wird schwierig", sagte Professor Ardeshir Mahdavi von der Technischen Universität in Wien. Ob Laie oder Experte, man macht sich Gedanken über die Veränderungen in der Stadt, die vor allem der globalen Erderwärmung geschuldet sind. Die Städte werden heißer.

Acht europäische Metropolen haben sich deshalb zusammengefunden, um gemeinsam Maßnahmen zu entwickeln, um "das globale Phänomen urbaner Hitzeinseln" zu minimieren. Budapest, Ljubljana, Modena, Padua, Prag, Stuttgart, Warschau und Wien arbeiteten drei Jahre lang an diesem EU-Projekt. In Wien waren es konkret die MA 22 (Wiener Umweltschutzabteilung) und das Institut für Bauphysik an der TU.

70 Maßnahmen konnten zum Abschluss des Projektes am Donnerstag in der Akademie der Wissenschaften nun präsentiert werden: Darunter fallen bereits bekannte wie begrünte Häuser-Fassaden und Dächer, Wasserflächen in der Stadt oder ein Regenwassermanagement, in Zukunft sollen aber auch mehr Flächen entstehen, wo etwa der Starkregen aufgefangen und gehalten werden kann, Windschneisen sollen offenbleiben und nicht verbaut werden und Wassersprühanlagen an Plätzen soll es geben.

Viele dieser Maßnahmen sind nicht neu und werden in Wien bereits umgesetzt. Ab Herbst soll aber das Projektergebnis als "anwendungsorientierter Leitfaden" öffentlich gemacht werden und in die Arbeiten der Stadt einfließen. "Ab September werden wir die Umsetzung dieser Maßnahmen in Wien intensivieren", sagte Gemeinderat Erich Valentin, Vorsitzender des Wiener Umweltausschusses, zur "Wiener Zeitung". Gibt es begrünte Fassaden in der Stadt schon, so würde man im Wohnbau nun noch mehr begrünte Fassaden und Dächer anstreben, so Valentin.

Extreme Wetterschwankungen könne man aber auch durch diese Maßnahmen nicht verhindern, so der Gemeinderat. Wie etwa die extreme Hitzewelle im Jahr 2003. Aber immerhin habe man - als Mitverursacher der globalen Erderwärmung - die finanziellen Möglichkeiten etwas dagegen zu tun. Auch die Reduktion des Individualverkehrs bis 2025 um 20 Prozent, der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, die Einführung einer Fußgängerbeauftragten und der Ausbau der Fernwärme für den Wiener Wohnbau würden einen Beitrag leisten.

Weiße Häuser in Santorin

Die zunehmende Hitze in der Stadt kann laut Forschungsteam durch strategische und gestalterische Maßnahmen durchaus verbessert werden. Mahdavi hat anhand der Städte den sogenannten UHI-Effekt untersucht. So wurden etwa in Wien die Koppstraße mit der Herbststraße verglichen. In der Koppstraße war es im Durchschnitt um ein Grad kühler als in der Herbststraße, "und das, obwohl die Koppstraße viel mehr Autoverkehr hat", so Mahdavi. "Die Straße war kühler, allein aufgrund der Baumreihen." Natürlich habe man sich auch jene Städte angesehen, die schon immer mit Hitze umgehen mussten. "Die Häuser in Santorin in Griechenland sind alle weiß", so Mahdavi. Das habe natürlich einen Grund. Man könne sehr wohl aus diesen Städten lernen.

Gerade Städte, die wachsen, würden vor einer großen Herausforderung stehen, sagte Karin Büchl-Krammerstätter, Leiterin der Wiener Umweltschutzabteilung. Der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Land betrage schon heute zehn Grad. Wenn man die Stadt verlässt, ist es spürbar kühler. Doch nicht mehr Klimaanlagen sollen deshalb in der Stadt gebaut werden, sondern Plätze und Gebäude nachhaltig gestaltet werden. Die Lösungen für die Abkühlung der Städte seien nicht technischer Natur, vielmehr würden sie aus der Natur selbst kommen.

Im Rahmen des Regenwassermanagements gibt es laut Büchl-Krammerstätter viele Möglichkeiten, das Regenwasser zu nutzen und wasserundurchlässige Beläge zu ersetzen. So wird die Verwendung eines Schotterrasens, Kiesbelags oder etwa Rindenhäcksel für Spielflächen von der MA 22 empfohlen. Ein großer Teil des Regenwassers landet nämlich im Kanal und in weiterer Folge in der Kläranlage - ohne für die Kühlung der Stadt genutzt zu werden.

Farbe und Oberflächengestaltung spielen eine zentrale Rolle dabei, ob sich eine Stadt noch mehr aufheizt oder nicht. Die Gesundheit - die Vermeidung von Toten durch Hitzewellen - aber auch das Wohlbefinden der Menschen im Freien in einer Stadt stehen im Zuge des Forschungsprogramms im Vordergrund. "Das Projekt ist ein Dach über viele Maßnahmen", sagt Büchl-Krammerstätter. "Wir wollen dieses Wissensprojekt nun nach Brüssel tragen", so Gemeinderat Valentin.

Einen Appell an die Politik richtete Stefano Tibaldi, Generaldirektor der Arpa (Regional Agency for Environmental Protection in Emilia-Romagna): "Schlechte Stadtplanung kann die Auswirkungen des Klimawandels verschärfen", sagte er. Entscheidungsträger auf allen Ebenen sollten sich daher mit den urbanen Hitzeinseln auseinandersetzen.

Jede beteiligte Stadt machte Modellversuche. So zeigte Stuttgart, dass ein heller Fassadenanstrich, Grünanlagen und die Verringerung der Bebauungsdichte zur Minimierung von Hitze beitragen können. Ebenso kommt Warschau zu dem Schluss, dass Siedlungen mit geringer Dichte und Baumbeständen kühler sind. Mit diesen Ergebnissen soll nun das Bewusstsein für Stadtplanung geschärft werden. Denn für viele Städter ist nach wie vor nur spürbar, dass etwas anders ist.