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"Natürlich soll die Türkei EU-Mitglied werden"

Von Christine Zeiner

Europaarchiv

"WZ"-Reportage: Was Istanbuler über einen EU-Beitritt der Türkei denken. | Istanbul. "Natürlich", sagt der junge Mann. "Natürlich soll die Türkei EU-Mitglied werden. Aber ihr fürchtet euch vor der Türkei, wollt sie nicht." Dabei seien die Türken in der Türkei anders als die meisten von denen, die Europa vor Jahrzehnten als Arbeitskräfte geholt habe - fortschrittlicher.


Ismael handelt mit Teppichen, ihm gehört ein Geschäft im Großen Basar in Istanbul. "Ihr braucht uns", sagt er. Europa altert, die türkische Bevölkerung hingegen ist jung. Gleichzeitig könne die Türkei von der EU lernen: bei Menschenrechten, in der Kurdenfrage. Wirtschaftliche Interessen seien hingegen nicht das wichtigste Argument für einen Beitritt. Viel wichtiger ist es laut Ismael, "Uncle Sam" nicht zu stark werden zu lassen, die übermächtigen USA: "Wenn die eine türkische Regierung nicht wollen, ist sie weg."


"Wir sind Armenier", sagt der 51-jährige Mann, den die Fähre zu einer der Prinzeninseln bei Istanbul bringt. Im Sommer wohnt er dort mit seiner Familie in ihrem Haus. Aleks hat eine Metallfabrik mit zwölf Mitarbeitern. Er hat sie von seinem Vater übernommen.

"Hier in Istanbul leben 20 Millionen Menschen." Viele sind in den vergangenen Jahren aus Anatolien gekommen. Aleks verzieht das Gesicht. Er hat Bedenken - Bedenken wegen seiner Stadt, Bedenken wegen der EU. "Islam", sagt der Armenier. Die Minderheit, der er angehört, hat die Massaker zwischen 1915 und 1918 nicht vergessen. Seit damals lebt nur mehr ein Bruchteil der ursprünglichen armenischen Bevölkerung in der Türkei. Trotzdem: "Probleme gibt es heute nicht mehr zwischen Moslems und Armeniern, sondern zwischen Osten und Westen der Türkei."

Für die türkische Wirtschaft wäre ein EU-Beitritt von Vorteil. Aleks zieht in der Luft Zick-Zack-Linien. Ständig gehe es bergab, bergauf. Diese Wechselkurse! "Wie soll man da Geschäfte machen?"


Auf dem Taksim-Platz steht eine Kirche. "Buntes Treiben" ist ein zu harmloser Begriff für das, was sich im Bezirk Beyoglu abspielt. Menschenmassen schieben sich mit Ausnahme weniger Nachtstunden durch die Istiklal, die moderne Einkaufsstraße. Beyoglu: eine Mischung aus westlichen Geschäften, Künstlerviertel, in den Seitengassen wird Cay, türkischer Tee, getrunken und Tavla, Backgammon, gespielt.

Es ist laut. Mitten drinnen ein Ruhepol. Die griechisch-orthodoxe Kirche ist von einem Garten umgeben. Unter alten Bäumen sitzen Kamil, der Mesner, und seine Familie und Freunde. Einer davon ist Mikail, der 15 Jahre lang in Stuttgart gelebt hat. Nun ist er zurückgekommen. Seine Frau ist noch in Deutschland. Seine Söhne bleiben dort. Hierher kämen sie nur als Touristen. "Welche Erfahrungen habt ihr mit der EU gemacht?", fragt Mikail und bietet Cay an, Oliven, Gurken, Paradeiser, Brot und Kuchen. Die EU sei hier "natürlich" ein Thema. "Aber bis wir beitreten, das dauert", sagt Mikail. "Mindestens noch zehn Jahre."


"Ein Thema wird in der Diskussion um den EU-Beitritt nie erwähnt", sagt Sedat. Der junge Mann, Anfang 20, ist Alevit. Und Aleviten würden vom türkischen Staat diskriminiert. Die Aleviten stellen mit rund 20 Prozent der Bevölkerung nach den sunnitischen Muslimen die zweitgrößte Religionsgruppe in der Türkei. Sie fordern unter anderem, dass ihre Gebetsstätten anerkannt und sie vom Religionsunterricht befreit werden. Die Türkei müsse die Aleviten als muslimische Minderheit anerkennen, meint die Europäische Kommission. "Ein Beitritt ist sonst undenkbar", meint Sedat.


Zwischen 30 und 40 Prozent der Türken arbeiten in der Landwirtschaft. In der EU sind es 4 Prozent. "Ein EU-Beitritt wäre für viele der kleinen Bauern negativ", sagt der Soziologiestudent Devrim. Der Strukturwandel würde sie in ihrer Existenz bedrohen. Für ihn selbst wäre ein EU-Beitritt positiv, sagt Devrim: Er würde gern mehr reisen. Wie für viele Türken ist auch für ihn ein Schengenvisum selten erschwinglich. 72 US-Dollar kostet es für drei Monate, das Vierfache wie für Österreicher, die in die Türkei reisen wollen.

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Hayati reicht Cay. Dann sagt er: "Wäre die Türkei Mitglied, hätte Europa eine starke Armee." Hayati weiß, wovon er spricht, er diente bis zur Pension im türkischen Heer. "Die EU würde profitieren", sagt seine Begleiterin Iris. Die Türkei sei Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Außerdem lebe mittlerweile die dritte Generation türkischer Zuwanderer in Europa, meint Hayati. "Eigentlich sind wir längst drinnen." n