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Naturwissenschaft vs. Geisteswissenschaft

Von Simon Rosner

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Die Deutschen haben versucht, den Code des Erfolgs zu knacken, sie haben dabei vergessen, ihrer Philosophie treu zu bleiben.


Auf der Ebene des Grundsätzlichen hat Joachim Löw alles richtig gemacht. Kein anderes Land betreibt einen derart immensen wissenschaftlichen Aufwand wie die Deutschen, um den Code des Fußballs zu entschlüsseln. Der Betreuerstab ist einzigartig, jede Entscheidung ist fundiert und faktisch abgesichert.

Der Hauptgrund für die Stärke der DFB-Equipe liegt zwar in den Qualitäten der Spieler, im Talent von Kickern wie Özil, Khedira oder Hummels. Doch gut aufgestellt sind andere Mannschaften auch. Um aber Bester zu sein, um Titel zu gewinnen, müssen alle Details passen. Und genau um diese Details kümmern sich die Deutschen wie kein anderes Team. Jedes Spiel, jeder Gegner wird auseinandergenommen, analysiert und wieder zusammengesetzt. Es ist ein fast schon naturwissenschaftlicher Zugang, den Löw etabliert hat.

Die Niederlage gegen Italien war demnach aber auch eine Niederlage der Naturwissenschaft im Duell mit der Geisteswissenschaft, an die sich die Italiener und Spanier in gewisser Weise klammern.

Die beiden Finalisten haben sich einer sehr klaren Philosophie verschrieben, und sie sind nicht bereit, von dieser abzuweichen. Auch wenn es Kritik gibt, auch wenn es zu einer Niederlage führt. Sich und seinen Ideen treu bleiben, das ist die Losung. "Lieber ein Tor nach einem deutschen Konter kassieren, als 90 Minuten lang in der eigenen Hälfte zu leiden", hatte Prandelli vor dem Halbfinale gesagt.

Italien und Deutschland haben sich seit ihrem letzten Duell bei einem großen Turnier im Jahr 2006 verändert, beide Mannschaften haben die Wichtigkeit des Ballbesitzes erkannt und ihre Spielweise radikal umgestellt. Doch bei Löw ist die Erkenntnis in Beobachtungen und Analysen gereift, Prandelli hat aus Überzeugung gehandelt, dass es sich um das Wesen des Fußballs handelt, die Herrschaft über den Ball zu erlangen und nach vorne zu spielen.

Das Halbfinale begann dann mit der Inbesitznahme des Balles durch die Italiener, sie haben sofort den Ball beansprucht und damit ein klares Zeichen an die Deutschen gegeben. Diese waren so sehr damit beschäftigt, die von ihrem Teamchef ausgetüftelten Pläne, die sicher wohlüberlegt und in der Theorie richtig waren, umzusetzen, dass sie überfordert waren. Natürlich haben auch Italien und Spanien klare Matchpläne, doch diese sind viel mehr an ihrem grundsätzlichen Spielverständnis ausgerichtet, als sie eine Reaktion auf die Stärken des Gegners sind. Bei den Spaniern scheint der Fußball zu einer eigenen geisteswissenschaftlichen Disziplin avanciert zu sein. Und der italienische Calcio war schon immer im Bereich Theologie angesiedelt.