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Nehmen Sie die Dinge selbst in die Hand!

Von Chtistian Thiel

Reflexionen
Zu zweit anpacken macht vieles leichter . . .
© photos.com

Sie fühlen sich schön. Sie fühlen sich stark. Sie fühlen sich mutig. Ihr Chef hat Sie gerade heute vor allen Kollegen für Ihre hervorragende Arbeit gelobt. Ihre Tochter kommt mit einer Eins in Mathematik nach Hause. Und Ihr Partner oder Ihre Partnerin kann es wieder einmal nicht lassen und streichelt Ihnen schon lange vor dem zu Bett gehen zärtlich und verheißungsvoll über den Rücken.


Das Leben ist großartig! Kein Problem auf dieser Welt, mit dem Sie es nicht aufnehmen würden! Beziehungsschwierigkeiten? Aber ich doch nicht! Aber es kann auch völlig anders sein: Schon beim morgendlichen Blick in den Spiegel fühlen Sie sich schlecht. Sind da nicht Tränensäcke unter den Augen? Der Tag geht nicht gut weiter. Ihr Chef entzieht Ihnen Ihr wichtigstes Projekt und Sie haben das Gefühl, ihre Kollegen beachten Sie nicht mehr so sehr. Ihr Sohn kommt mit einer Fünf in Englisch nach Hause. Ihre Stimmung ist im Keller.

Bei der Laune kann Ihr Partner Ihnen nichts recht machen. Er lässt das Essen anbrennen - und Sie schimpfen. Er bringt Ihnen keinen Blumenstrauß mit - und Sie beklagen sich lautstark. Und dann hat er auch noch die Frechheit, Ihnen abends eindeutige Avancen zu machen. Da hört sich denn doch alles auf!

Halt! Stopp! Beziehungsstreit hilft Ihnen in dieser Situation nicht weiter. Beziehungsdiskussionen kosten Zeit und Energie. Allzu oft folgen sie einem bekannten Ritual: Einer macht Vorwürfe, der andere kontert mit Gegenvorwürfen. Anschließend ist die Stimmung noch schlechter als zuvor.

Probleme lösen - im Alleingang. Nutzen Sie Ihre Kraft lieber sinnvoll! Richten Sie Ihre Energie auf das lohnendere Ziel: Fangen Sie bei sich selbst an. Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihr Leben. Nehmen Sie die Dinge selbst in die Hand - lösen Sie Ihre Probleme. Im Alleingang. Wie? Ganz einfach:

Fangen Sie mit Sport an. Nehmen Sie sich die Zeit dazu, wenn Sie von der Arbeit kommen. Dann sind Sie sowieso angespannt und brauchen erst mal Zeit für sich. Sport hilft zwar nicht gegen die Falten, die Ihnen morgens im Spiegel aufgefallen sind. Dafür fühlen Sie sich aber jünger und vitaler.

Bemühen Sie sich bei der Arbeit um eine neues, spannendes Projekt. Oder schauen Sie sich nach einer anderen Arbeitsstelle um. Es muss ja nicht gleich klappen. Sie fühlen sich bereits besser, wenn Sie es nur versuchen. Und Sie können sich auf Ihrer jetzigen Arbeitsstelle mit Ihren Vorstellungen leichter durchsetzen, wenn Sie wissen: Ich habe Alternativen.

Kümmern Sie sich um einen geeigneten Nachhilfelehrer für Ihren Sohn. Vergessen Sie aber bitte nicht, Ihren Nachwuchs angemessen an den Kosten zu beteiligen. Er ist mit 15 Jahren alt genug zu begreifen, dass es Folgen hat, wenn man in einem Fach wie Englisch einfach nicht mehr lernt.

Auf diese Weise bekommen Sie wieder Oberwasser. Wenn Sie dagegen vor Problemen stehen und nichts tun, dann fühlen Sie sich ohnmächtig. Ihr Selbstwertgefühl sinkt. Damit steigt die Gefahr, dass Sie sich zusätzlich noch in sinnlosen Nebenkämpfen verzetteln. Ein geringes Selbstwertgefühl macht anfällig für schlechte Gefühle aller Art. Am Ende passiert es Ihnen, dass Ihr Partner nach Hause kommt und Ihnen freudig erzählt, dass er endlich befördert wurde - und Sie fühlen sich gerade so niedergeschlagen, dass Sie sich nicht mit ihm freuen können! Und schon haben Sie einen handfesten Familienkrach.

Meiden Sie das Spinnennetz. Es kommt leider immer wieder vor, dass wir uns ungewollt und ohne böse Absicht in der Beziehung in Auseinandersetzungen verheddern. Am Ende zappeln wir wie eine Fliege im Spinnennetz. Wir wissen nicht vor noch zurück. Beziehungsexperten sind sich sicher: Besonders leicht finden sich Paare in so einer - scheinbar! - aussichtslosen Situation wieder, wenn sie eigentlich gerade ganz andere Probleme haben. Wenn das Baby Bauchschmerzen hat und sie völlig übernächtigt sind. Wenn die Arbeit mal wieder so anstrengend war. Oder eben wenn der Sohn den Sinn des Englischlernens partout nicht einsehen will.

Immer wenn es im Leben hoch hergeht, ist die Versuchung groß, sich mit dem Partner oder der Partnerin zu streiten. Weil er, weil sie uns nicht richtig zugehört hat. Weil uns der schmutzige Topf stört, der beim Abwaschen einfach stehengelassen wurde. Oder aus irgendeinem anderen, angeblich wichtigen Grund. Dabei könnten wir unsere Energie wirklich für Wichtigeres gebrauchen! Meiden Sie also das Spinnennetz. Lassen Sie sich nicht von den eigentlichen Problemen ablenken. Gehen Sie sie an. Sie werden sich danach garantiert besser fühlen.

Sich einfach gut fühlen. Wer Probleme bewältigt, fühlt sich immer gut, einerlei welcher Art sie sind und einerlei, ob es kleine Herausforderungen sind oder große. Es reicht schon, dass wir es schaffen, die neu gekaufte Lampe zusammenzubauen und anzuschließen - schon fühlen wir uns besser. Wir sind stolz. Wir haben ein Stück unserer ganz persönlichen Welt verbessert. Dadurch steigt unser Gefühl, Einfluss auf den Lauf der Dinge zu haben. Psychologen nennen dieses Gefühl die Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Zu Deutsch: Wir sind davon überzeugt, in unserem Leben selbst etwas bewirken zu können. Den Begriff des Selbstbewusstseins kennen die meisten Menschen, auch wenn sie damit in der Regel das Selbstwertgefühl meinen. Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung dagegen fristet völlig zu Unrecht ein echtes Schattendasein.

Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung hat einen enormen Einfluss auf das Selbstwertgefühl. Wir fühlen uns einfach besser, wenn wir Erfolg haben. Wir spüren dabei unsere Fähigkeiten, unser Können. Deshalb kommt es auch zu dem seltsamen Phänomen, dass zwar viele Menschen über ihre Arbeit schimpfen und sagen, dass sie sich in der Freizeit wohler fühlen. Wissenschaftliche Studien wie die berühmt gewordenen Langzeituntersuchungen des Chicagoer Psychologieprofessors Mihaly Csikszentmihalyi aber kommen zu genau dem entgegengesetzten Ergebnis. Demnach erleben die meisten Menschen beim Arbeiten mehr Freude und Anerkennung als in der Zeit danach - besonders wenn sie diese Zeit vor dem Fernseher verbringen. Meiden Sie also nach Kräften das Spinnennetz. Machen sie sich klar, welche Probleme gerade gelöst werden müssen. Und genießen Sie die angenehme Wirkung der Selbstwirksamkeitsüberzeugung.

Setzen Sie sich realistische Ziele. Sie können bei der Reihenfolge, in der Sie Ihre Probleme oder Vorhaben angehen, nichts verkehrt machen. Folgen Sie Ihrem Gefühl. Wenn Sie den Eindruck haben, zunächst mit einem kleineren Vorhaben anfangen zu wollen - gut so. Wenn Sie dagegen gleich den größten Brocken in Angriff nehmen wollen, dann wird auch das der richtige Weg sein. Sie sollten sich allerdings keine unrealistischen Ziele setzten. Eine berufliche Veränderung zum Beispiel kann ein wichtiges Ziel für Ihr Leben sein. Aber so etwas dauert seine Zeit! Setzen Sie sich in einem solchen Fall Teilziele, die Sie bald erreichen können. "Jede Woche informiere ich mich über einen neuen Arbeitgeber" wäre so ein realistisches Ziel.

Organisieren Sie sich Unterstützung. Wenn gerade das Baby krank ist oder Ihr Teenager sitzen zu bleiben droht, dann hilft vor allem Unterstützung durch Freunde, Bekannte und Kollegen. Andere um Rat zu fragen auch.

Wie ist denn die Mutter von Florian mit der Fünf in Mathe umgegangen? Welchen Nachhilfelehrer hat Ihr Kollege für seine Tochter? Was kostet so etwas und was hat es gebracht? Wie sieht der Englischlehrer die schlechte Note Ihres Sohnes? Ist es ein Ausrutscher? Verliert Ihr Kind immer mehr das Interesse an der Schule, auch in anderen Fächern? Das sind die Fragen, auf die Sie jetzt Antworten brauchen.

Fragen Sie ruhig auch Ihren Partner, ob er eine Idee hat, was Sie tun können. Erwarten Sie aber nicht von ihm, dass er das Problem löst. Vermeiden Sie Vorwürfe wie "Warum kümmerst du dich eigentlich nicht um deinen Sohn? Er ist doch auch dein Kind!". Eine Stresssituation ist nicht der richtige Augenblick, um eine Grundsatzdiskussion mit Ihrem Partner über seinen Anteil an der Erziehung zu beginnen. Vertagen Sie solche Gespräche lieber auf ruhigere Zeiten.

Nehmen Sie die Dinge also selbst in die Hand. Vergessen Sie am Ende aber bitte auch nicht, sich selbst zu loben! Loben Sie sich dafür, dass Sie die schwierige Situation so gut bewältigt haben. Loben Sie sich dafür, dass Sie Ihre Probleme gelöst und sich nicht in einen Beziehungskrach verstrickt haben. Für Erfolge dürfen wir uns ruhig selber loben und auch belohnen. Wenn es denn kein anderer tut.