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Nein, das sind nicht die Sorgen der Wähler

Von Christian Ortner

Gastkommentare
Christian Ortner.

Wahlen gewinnt man nicht mit Koalitionsspekulationen, sondern mit Problemlösungen. Ist das so schwierig?


Wer die jüngsten aufgeregten Absonderungen heimischer Spitzenpolitiker und deren hyperventilierende Kommentierung in manchen Medien verfolgt, muss zwangsläufig zum Schluss kommen, die Bildung einer rot-blauen Landesregierung in der burgenländischen Metropole Eisenstadt sei neben dem globalen Klimawandel, den Kriegen im Mittleren Osten und der Gefahr eines neuen globalen Finanzcrashs eines der großen Schlüsselereignisse des frühen 21. Jahrhunderts, vergleichbar höchstens mit der seinerzeitigen Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo.

Nun mag für Österreichs politisch-mediale Klasse ja ganz spannend sein, was sich da in ihrer ziemlich selbstreferenziellen Lebens- und Berufswelt gerade an Umbrüchen und nahenden Personalien ganz oben ereignet, zu vermuten ist aber auch: Für die meisten Wähler ist das deutlich weniger bedeutsam als für die betroffenen Akteure. Wer aus welcher moralischen Sicht wo mit wem koalieren darf oder nicht, ist den Wählern deutlich weniger wichtig als die Frage, ob sie morgen noch einen Job haben werden; wie sie in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung mit den allenfalls zugezogenen Migranten zurechtkommen; ob sie sich auf ihren Pensionsanspruch verlassen können; wie sie sich angesichts steigender Lebenshaltungskosten auch in Zukunft ihren Lebensstandard leisten können; ob die Schule ihre Kinder ausreichend zukunftstauglich macht; oder ob sie bei Krankheit ausreichend schnell ausreichend gut behandelt werden.

Das sind die Fragen, auf die sie vernünftige Antworten wollen. Und das wird wohl auch letztlich darüber entscheiden, wer die Wahlen in Wien und Oberösterreich heil übersteht und wer nicht. Diverse Koalitionsspekulationen dürften dagegen von eher sekundärem Interesse sein. (Was natürlich umso mehr gilt, sollte es entgegen allen Erwartungen doch innerhalb der nächsten zwölf Monate Nationalratswahlen geben, wie das manche in der ÖVP angesichts der gerade nicht so optimalen Befindlichkeit der SPÖ im Hintergrund leise andenken.)

Umso befremdlicher ist, dass nur noch vier Monate vor der Wiener Wahl weder SPÖ noch ÖVP den Eindruck erwecken, diese den Wählern eher wichtigen Themen in angemessener Form zu adressieren, soweit sie in die Kompetenz der Stadt und ihrer Regierung fallen.

Kontroversielle Konzepte, wie etwa die vielfältigen Wachstumsschmerzen der mittlerweile zweitgrößten Stadt des deutschen Sprachraumes zu lindern seien, haben sie bisher eher diskret für sich behalten, stattdessen dominiert die Ampelmännchen-Politik der Gefühle.

Irgendwie symptomatisch: Die ÖVP zieht mit einem Klubobmann in den Wahlkampf, dessen wesentliche politische Lebensleistung darin besteht, die Ladenöffnung am Sonntag erfolgreich verhindert zu haben, während sein sozialdemokratischer Konterpart mit der geschmackssicheren Aussage brillierte, Garant dafür zu sein, dass Wien "freiheitlichensauber" bleibt.

Danke, sehr interessant, aber vielleicht könnte sich ja auch jemand darum kümmern, dass die regelmäßig mit Gratiszeitungen zugemüllten U-Bahn-Böden sauber und die Geschäfte endlich offen sind. Das könnte die Wähler vielleicht auch interessieren. Womöglich sogar mehr, als wer mit wem koaliert.