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Nervosität an den Ölbörsen

Von Helmut Dité

Wirtschaft

Ausländische Konzerne fliegen Mitarbeiter aus. | Aktien von OMV und Strabag verloren. | Tripolis/Rom/Wien. Die eskalierenden Unruhen in Libyen haben am Montag den Ölpreis auf den höchsten Stand seit 2008 getrieben: Ein Fass (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich um 2,5 Prozent auf 105,08 Dollar (77,11 Euro). Viele Anleger flüchten angesichts der Unruhen in mehreren arabischen Ländern in sichere Werte und kauften Edelmetall: Die Feinunze Gold verteuerte sich am Montag um rund ein Prozent auf 1402,48 Dollar, Silber markierte mit 33,47 Dollar sogar ein 31-Jahres-Hoch.


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"Libyen ist ein wichtiger Öl-Produzent und exportiert Rohöl von guter Qualität", erklärte Christophe Barret, Öl-Analyst bei der Credit Agricole. Vor allem die Drohung eines Stammes-Anführers im Osten des Landes, die Ölexporte zu blockieren, sollte die Regierung weiter Demonstrationen gewaltsam verhindern, sei besorgniserregend. "Die noch wichtigere Frage ist aber: greifen die Proteste auf Saudi-Arabien über?"

Libyen ist den Daten der US-Energiebehörde EIA zufolge der ölreichste afrikanische Staat und war 2010 der weltweit elftgrößte Exporteur. Das Land exportiert rund 1,1 Millionen Barrel Öl pro Tag, Die nachgewiesenen Erdölreserven wurden Ende 2009 mit mehr als 44 Milliarden Fass angegeben.

Noch ist die Produktion - außer angeblich durch einen lokal begrenzten Streik - nicht beeinträchtigt, aber es zeichnen sich Behinderungen ab. So wie die meisten internationalen in Libyen tätigen Konzerne flog doch auch die OMV am Montag ihre ausländischen Mitarbeiter - darunter neun Österreicher - und deren Familien aus. Die OMV-Aktie gab in Wien um 4,2 Prozent nach.

Auch Österreichs Baukonzerne haben am Montag österreichische Mitarbeiter außer Landes gebracht: Porr baut ein Fußballstadion für den African Cup 2013. Strabag ist mit fünf Infrastrukturbaustellen in und um die Hauptstadt Tripolis beauftragt. "Wir gehen davon aus, dass die Projekte - darunter die Küstenautobahn bei Tripolis - eine Zeit lang auf Eis liegen werden", sagte Strabag-Sprecherin Klein. Die Strabag-Aktie büßte sogar 5,3 Prozent ein.

Der oberösterreichische Baustoffkonzern Asamer teilte am Montag mit, die meisten seiner 45 nicht-libyschen Mitarbeiter in Sicherheit gebracht zu haben. Asamer betreibt zwei Zementfabriken außerhalb von Bengasi und eine in Dernah. In beiden Städten sei die Lage chaotisch, deswegen habe man sich entschlossen, die Produktion herunterzufahren. Der Spitalausstatter Vamed sah vorerst noch keinen Anlass, seine 7 österreichischen Beschäftigten auszufliegen. "Unsere Mitarbeiter fühlen sich sicher", so Sprecher Ludwig Bichler am Montag.

Brüssel beruhigt

Für die OMV, die seit vielen Jahren in Libyen präsent ist, kommen rund zehn Prozent ihrer gesamten Förderung aus Libyen, rund 34.000 Fass pro Tag. Das Land ist in den letzten drei Jahren zu einem der wichtigsten Rohöllieferanten Österreichs aufgestiegen: Bis November 2010 würde Öl im Wert von mehr als 700 Millionen Euro importiert, fast ein Fünftel des gesamten Ölimports.

"Falls die Öllieferungen von Libyen in die EU unterbrochen würden, hätte dies nur kurzfristige, aber keine andauernden oder bedeutenden Auswirkungen auf die Versorgungsbilanz", beruhigte eine Sprecherin von EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Montag auf Anfrage in Brüssel. Ein Engpass könnte von anderen Lieferländern rasch ausgeglichen werden, außerdem hätten die 27 EU-Mitgliedstaaten Öl- und Ölprodukte für den Bedarf von 120 Tagen in Krisenlagern zur Verfügung. 2009 haben die 27 EU-Länder rund ein Zehntel ihrer gesamten Öleinfuhren aus Libyen bezogen. Am stärksten war Italien von libyschem Öl und Gas abhängig, dort liegt der Anteil bei einem Viertel der Einfuhren.

Haupt-Partner Italien

Italien ist seit 2008 zum wichtigsten Handelspartner Libyens - vor Frankreich und Deustchland - aufgestiegen, nachdem es eine milliardenschwere Entschädigungszahlung für die Kolonialzeit zwischen 1911 und 1941 geleistet hatte.

Lybiens Zentralbank und Staatsfonds wiederum investieren bevorzugt in italienische Firmen. So halten die Libyer inzwischen gut ein Prozent am staatlichen Energieriesen ENI, mehr als 7 Prozent an der Bank-Austria-Mutter Unicredit, fast zwei Prozent an Fiat und 7 Prozent am Fußballklub Juventus Turin. Erst vor kurzem stieg die Libyan Investment Authority (Lia) auch mit zwei Prozent beim teilstaatlichen Luftfahrt- und Rüstungskonzern Finmeccanica ein. Gut 15 Prozent am Telekommunikationskonzern Retelit hält Lia ebenso wie mehr als 20 Prozent am Textilkonzern Olcese.