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Netflix spendet keine Gruselfichten

Von Christina Böck

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Als Christbaum hat man es nicht leicht. Es beginnt damit, dass man quasi amputiert wird, um dann die müden Restglieder mit Tand und LED-Lichtern behängt zu bekommen. Wenn man dann noch mäßig fachgerecht zusammengestutzt wird - "Der ist zu lang, schneiden wir halt die Spitze ab!" -, muss man jeden Baum verstehen, der in den Freitod durch Christbaumkerzerl geht. Neuerdings müssen sich Weihnachtsbäume auch einem Schönheitswettbewerb unterziehen. So wurde die Fichte, die vergangene Woche am Wiener Rathausplatz aufgestellt wurde, von ihren Gönnern als "schönster Baum von Oberkärnten" bezeichnet. Oberhalb von Oberkärnten sahen Boulevardmedien das anders, da wurde der Baum ob seines nicht sehr regelmäßigen Wuchses kurzerhand "Gruselfichte" getauft. Dass diese Christbäume jedes Jahr eine kosmetische "Aufforstung" mit zusätzlichen Ästen erfahren, war ein lästiges Faktum, dass diese Medien lieber wegließen. Aber schon der einstige Bürgermeister Helmut Zilk hat einen Baum vor seiner Tür einmal als "Häuslbesen" bezeichnet. Kreativ waren auch die Römer im Vorjahr, die ihren ärmlichen Baum "Glatzkopf" nannten. Damit das dieses Jahr nicht passiert, lässt sich Rom die Fichte diesmal von Netflix sponsern. Dass die dann natürlich mit Werbematerial für den Streamingsender vollgehängt wird, versteht sich von selbst. Da hat der Wiener Baum ja noch Glück, die Spender-Bundesländer halten sich in der Hinsicht ja zurück. Wobei, ein Behang aus Kärntner Würsteln, Kasnudeln und Reindling würde auch eine Gruselfichte aufwerten.