Zum Hauptinhalt springen

Nettig tritt in Raten ab, Bitzinger übernimmt

Von Walter Hämmerle

Politik

Völlig überraschend hat der Wirtschaftsflügel der Wiener ÖVP am Dienstagabend seine Weichen für die Zukunft gestellt: Wirtschaftskammer-Präsident Walter Nettig (68) hat mit sofortiger Wirkung seine Funktion als Obmann an Josef Bitzinger übergeben. Nettig bleibt zwar vorerst Kammer-Präsident, für die 2005 stattfindenden Wirtschaftskammer-Wahlen wird er aber nicht mehr kandidieren.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Der Schritt Nettigs kam für alle Beteiligten völlig überraschend. Nicht einmal die Spitze der Wiener ÖVP war davon offensichtlich vorab informiert, was dazu führte, dass Parteichef Alfred Finz in seiner ersten Reaktion vom sofortigen Rücktritt Nettigs als Kammerpräsident sprach - worauf sich Nettig selbst veranlasst sah, den Sachverhalt richtig zu stellen. Ein "Missverständnis" entschuldigte Finz später seine erste Interpretation der Vorgänge in "seinem" Wirtschaftsflügel.

Nettig selbst begründete seinen Schritt damit, dass er angesichts seines Alters nicht mehr garantieren könne, 2005 noch einmal für eine ganze fünfjährige Amtsperiode als Kammer-Präsident zur Verfügung zu stehen. Der Entschluss dazu sei keineswegs spontan gekommen, sondern langsam in ihm gereift.

Nägel mit Köpfen machte Nettig in seiner zweiten Funktion als Obmann des Wiener Wirtschaftsbundes. Hier übergab er - mit sofortiger Wirkung - die Geschäftsführung an Josef Bitzinger, den Wirt des Augustinerkellers am Albertinaplatz und Spartenobmann für Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer.

Dass Nettig bis zum Wahltag Präsident bleibt, sei dessen eigene Entscheidung gewesen, erklärte Bitzinger gegenüber der "Wiener Zeitung". Einen Startnachteil für seine eigenen Chancen, die Kammerwahlen zu gewinnen, sieht er darin nicht: "Ich werde das schon schaffen", gibt er sich selbstbewusst. Vorerst bleibt jedoch noch abzuwarten, ob Bitzinger auch als Spitzenkandidat nominiert wird.

Seine dringendste Aufgabe sieht er derzeit ohnehin im Wirtschaftsbund selbst: Hier will er sich vor allem um die interne Vorbereitung des Wahlkampfs kümmern.

Häupl verliert schwarzen Gegenpart

Mit Nettig hat nun einer der schwergewichtigsten Wiener Politiker den geordneten Rückzug angetreten. Sein enges Verhältnis zu Bürgermeister Michael Häupl gilt als legendär und war auf beiderseitigen Vorteil ausgerichtet. Innerhalb der Wiener ÖVP galt der ehemalige Foto-Kaufmann mit einem Faible für die USA als mächtigster jener Gruppe, die gemeinhin als Königsmacher umschrieben werden. Bis zur nächsten Gemeinderatswahl 2006 will Nettig nur in einer Funktion weitermachen: Als von Häupl ernannter "Sonderbeauftragter für Außenwirtschaftsfragen".