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Netto-Null-Emissionen: Zukunftsmusik oder Kinderspiel?

Von Pierluigi Lonero und Ophélie Mortier

Gastkommentare

Klimaschutz kostet Geld, viel Geld. Und es muss in die richtigen Bereiche investiert werden.


Das auf der COP26 propagierte Ziel der Netto-Null-Emissionen ist lobenswert - aber ist es überhaupt erreichbar? Die Kosten für den Übergang zur CO2-Freiheit werden auf 150 Billionen Dollar über einen Zeitraum von 30 Jahren geschätzt - das ist das Doppelte des aktuellen globalen BIP. Und dann müssen diese Mittel auch noch in die richtigen Bereiche investiert werden. Die Technologie wird zweifellos eine wichtige Rolle beim Übergang spielen, aber einige Umweltprojekte sind noch in der Embryonalphase oder im globalen Maßstab weitgehend unerprobt. Sehen wir uns die vielversprechendsten Optionen zur Begrenzung der Kohlenstoffemissionen und zur Bewältigung des Klimawandels an, um bis 2050 das Netto-Null-Ziel zu erreichen.

Bürokratische Hürden

Uns läuft die Zeit davon. Erschreckenderweise sind wir auch schon mit unseren Ambitionen für das Jahr 2050 in Verzug. Die Gründe für unser schleppendes Agieren angesichts der Dringlichkeit der Klimakrise sind vielfältig, wobei die langsame flächendeckende Nutzung erneuerbarer Energien definitiv ein entscheidender Faktor ist. Die Durchführung von Erneuerbaren-Projekten dauert aufgrund der bürokratischen Komplexität viel zu lange. Unzählige Genehmigungen, Dokumente und Kontrollen können sie in schwerfällige Alpträume verwandeln.

So hat etwa in Italien der für die ökologische Transformation zuständige Minister sein Ziel betont, den Zeitraum für die Durchführung eines Erneuerbaren-Projekts von durchschnittlich 1.200(!) auf 200 Tage zu reduzieren. Die Unentschlossenheit der französischen Regierung in der Frage, wer für die Erteilung von Baugenehmigungen zuständig sein soll, hat in der Vergangenheit alle Windenergieprojekte zum Stillstand gebracht. Es liegt auf der Hand, dass solche staatlichen Unzulänglichkeiten beseitigt werden müssen, bevor wir uns auf eine nachhaltige Revolution gänzlich einstellen können.

Darüber hinaus sollten wir nicht vergessen, dass der Konsum in den vergangenen Jahrzehnten absolut stets zugenommen hat und wahrscheinlich weiter ansteigen wird, wenn nichts unternommen wird. Unternehmen müssen sich lösen von Mengenbetrachtungen und stärker zu wertorientierten Strategien übergehen, während die Verbraucher unnötigen Konsum vermeiden müssen. Dies erfordert einen vollständigen Paradigmenwechsel. Ein solches neu formuliertes Konzept von "Wachstum" wird erhebliche Auswirkungen auf unsere derzeitigen ressourcenintensiven Märkte haben. Konkret muss der Fußabdruck der Ressourcen in den Bereichen Energie, Verkehr, Fertigung, Bauwesen, Landwirtschaft und Lebensmittel in Angriff genommen werden.

<ZT>Drei Ansätze gegen CO2

Eine reduzierte Bürokratie und ein drastischer Rückgang des Verbrauchs werden sich zweifellos positiv, wenn auch indirekt, auf die Emissionen auswirken. Wir müssen jedoch auch über Möglichkeiten nachdenken, das CO2-Problem direkt anzugehen und es an der Quelle zu bekämpfen. Hier gibt es drei Ansätze:

Reduzierung des (fossilen) Energieverbrauchs;

Begrenzung der Emissionen durch die Wahl umweltfreundlicherer Verkehrsmittel;

Programme zur CO2-Abscheidung und -Speicherung.

Um das Netto-Null-Ziel zu erreichen, sollte der Klimawandel als zielgerichtete Investition neu definiert werden, und die Märkte sollten sich auf grünes, investitionsgestütztes Wachstum umstellen. Die Stromerzeugung ist für ein Viertel der globalen CO2-Emissionen verantwortlich; Kohle, Öl und Gas machen mehr als zwei Drittel der Stromerzeugung aus. Auch wenn der Erneuerbaren-Anteil an der globalen Stromerzeugungskapazität von 25 Prozent im Jahr 2000 auf 37 Prozent im Jahr 2019 gestiegen ist, sind diese Zahlen noch weit von den angepeilten 80 Prozent im Jahr 2050 entfernt. Offensichtlich sind noch weitere Anstrengungen erforderlich.

Wasser- und Windenergie werden bereits in großem Maße eingesetzt. Die Solarenergie könnte als nächste erneuerbare Energiequelle in den Mittelpunkt rücken. Sie hat in den vergangenen zehn Jahren von erheblichen Kostensenkungen profitiert und ist nun vielleicht die günstigste Energiequelle. Auch der Veredelungsprozess für Wasserstoff hat in jüngster Zeit erhebliche Verbesserungen erfahren. Wir sind von grauem Wasserstoff (hergestellt mit fossilen Brennstoffen) zu grünem Wasserstoff (Nutzung erneuerbarer Energien für die Elektrolyse) oder blauem Wasserstoff (Abtrennung des Wasserstoffs von Methan mit CO2-Abscheidung und -Speicherung) übergegangen.

Wasserstoff im Abseits

Mehrere multinationale Unternehmen aus dem Industrie-, Mobil- und Heizungssektor sind vom Potenzial des Wasserstoffs besonders überzeugt. TotalEnergies, Air Liquide und Vinci haben vor kurzem einen Wasserstoffinfrastrukturfonds in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar aufgelegt. Sie hoffen, das Wachstum des Ökosystems des sauberen Wasserstoffs zu beschleunigen, indem sie in große strategische Projekte investieren und von einer Allianz aus Industrie- und Finanzakteuren profitieren. Es gibt auch einige vielversprechende Anwendungen für die Luftfahrtindustrie.

Abgesehen von Flugzeugen hat Wasserstoff ein breites Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten: Er eignet sich gut als saisonale Speicherlösung in Stromsystemen, da er ideal für die langfristige Speicherung großer Energiemengen ist. Darüber hinaus kann er zur Dekarbonisierung von Gebäuden beitragen (Wärmepumpenanlagen, Elektrifizierung der Heizung). Er kann auch als sauberer Kraftstoff für den Verkehr dienen. Und schwer zu dekarbonisierende Industrien (Stahl, Zement, Düngemittel) können ihn als Rohstoff nutzen.

Ungeachtet seines Potenzials leidet die großtechnische Entwicklung von Wasserstoff leider an mangelndem Interesse und vergleichsweise niedrigen Kosten anderer erneuerbarer Energien. Positiv zu vermerken ist, dass die Produktion von grünem Wasserstoff in den USA bis 2030 mit 1,07 bis 1,28 Dollar je Kilo etwa gleich viel kosten dürfte wie bei blauem und grauem Wasserstoff.

Probleme mit E-Autobatterien

Unser zweites Instrument im Kampf gegen die CO2-Emissionen ist die Wahl umweltfreundlicherer Transportmittel. Elektrofahrzeuge werden am häufigsten genannt. Der Verkauf in Europa dürfte in naher Zukunft einen hohen Verbreitungsgrad erreichen. Auch in China ist ein erhebliches Wachstum zu verzeichnen, das vor allem durch gesetzliche Regelungen unterstützt wird. Auch Indien hat einige Maßnahmen ergriffen, um die Verbreitung von E-Autos zu fördern. Trotz dieser vielversprechenden Aussichten gibt es noch einige Probleme, die gelöst werden müssen, damit sie einen vollwertigen Beitrag zu unseren Netto-Null-Zielen leisten können.

Die größte Herausforderung ist nach wie vor der Herstellungsprozess der Batterien, die Herkunft des Stroms, mit dem sie betrieben werden, und die Größe der Fahrzeuge. Darüber hinaus besteht die reale Gefahr der Ressourcenknappheit. Nickel und Lithium, beides Schlüsselelemente in E-Autobatterien, werden voraussichtlich schon 2024 zur Neige gehen. Recycling-Lösungen und Lebenszyklus-Produkte sind für eine erfolgreiche Elektrifizierung der Mobilität unerlässlich.

E-Autos sind jedoch nicht die einzige Lösung, um die Verkehrsindustrie zu revolutionieren. Biokraftstoffe sind eine weitere Option, um Diesel und Benzin in Branchen wie der Luftfahrt zu ersetzen. Sie können in der Tat eine wichtige Rolle im zukünftigen Energiemix spielen und aus Nahrungsmittelpflanzen (erste Generation) hergestellt werden, was jedoch aufgrund der Auswirkungen auf die Land- und Wassernutzung weitgehend nicht nachhaltig ist. Biokraftstoffe können auch aus Non-Food-Rohstoffen wie Abfällen, Holz, tierischen Fetten usw. gewonnen werden (zweite Generation). Schließlich können sie auch aus Algen hergestellt werden (dritte Generation). Wie bei Wasserstoff ist die Verwendung von Biokraftstoffen noch begrenzt. Es wird jedoch erwartet, dass sie bis 2030 auf 4 Prozent der weltweiten Verkehrskraftstoffe ansteigen wird.

Teure CO2-Speicherung

Der dritte und letzte Punkt ist die CO2-Abscheidung und -Speicherung. Obwohl dieses Verfahren etwas umstritten ist, bleibt es die einzige Möglichkeit, die Emissionen der schwer zu dekarbonisierenden Industrien wie Stahl, Zement und Chemie zu reduzieren. Um den Temperaturanstieg unter 2 Grad zu drücken, ist der Investitionsbedarf immens. Die Schätzungen liegen bis 2050 bei bis zu 2,5 Billionen Dollar. Derzeit gibt es nur wenige solche Programme, die auch nur langsam umgesetzt werden. Dies hat manche dazu veranlasst, stattdessen für eine CO2-Bepreisung zu plädieren. Die Frage der grenzüberschreitenden Besteuerung und das Potenzial für einen globalen CO2-Markt werden immer wichtiger werden.

Für einen ordentlichen Übergang zu einer CO2-freien Wirtschaft müssen die Interessen dreier wichtiger Parteien in Einklang gebracht werden: Regierungen, Unternehmen und Endverbraucher. Langfristig sollte die Dekarbonisierung für die Verbraucher deflationär sein. Während des Übergangs können die Kosten jedoch steigen, ebenso wie die Volatilitätsspitzen (die jüngsten Strompreisspitzen sind ein gutes Beispiel dafür).

Es ist unwahrscheinlich, dass die Verbraucher bereit oder in der Lage sind, einen erheblichen Aufpreis für grüne Lösungen zu zahlen, sodass die Regierungen eingreifen müssen, um den Übergang zu erleichtern. Dies dürfte die zunehmenden "Schmerzen" für Unternehmen beziehungsweise Verbraucher lindern. Die Autoindustrie ist derzeit führend und hat dank staatlicher Anreize, die die grüne Auswahloption für den Endkunden zumindest gleich teuer machen, einen klaren Weg für den Übergang zu E-Autos. Dies hilft den Unternehmen, ihre für die Umstellung benötigten Investitionen zu erhöhen.

Die Versorgungsunternehmen müssen einen Weg finden, um mittelfristig Strompreiserhöhungen zu vermeiden, bevor unsere Gesellschaften den Übergang zu einer vollständig auf erneuerbaren Energien basierenden Wirtschaft vollzogen haben. Schließlich müssen auch die CO2-Preise deutlich höher sein, um die Dekarbonisierung in energieintensiven Sektoren weiter zu fördern. Es ist also immer noch möglich, den nachhaltigen Weg in die Zukunft zu beschreiten. Allerdings müssen wir mit vielen verschiedenen Faktoren effizient und rechtzeitig jonglieren, um einen effektiven Übergang zu einer CO2-neutralen Zukunft zu gewährleisten. Zugegeben, die Liste der zu erledigenden Aufgaben ist lang. Es wird sich herausstellen, ob sie in die Praxis umgesetzt werden kann.