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Netzwerke helfen bei Jobsuche

Von Thomas Müller

Politik

Experte Jean-Pierre Garson im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". | Österreich schneidet bei OECD-Studie schlecht ab. | Wien. Den Aufstiegschancen junger Migranten am Arbeitsmarkt widmet sich das "Forum Zukunft der Arbeit" am Donnerstag, veranstaltet auf Initiative von Competence Call Center, Management Club und Career im Innenministerium. Jean-Pierre Garson, Leiter der für Migration und Arbeit zuständigen Abteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), hält dabei ein Impulsreferat, bei dem er jüngste Studienergebnisse präsentiert.


"Wiener Zeitung": Wo sind Migrantenkinder benachteiligt? Jean-Pierre Garson: Das beginnt bei der Bildung der Eltern. In Österreich haben laut der Pisa-Studie 25 Prozent der Mütter von 15-jährigen Migrantenkindern nur einen Pflichtschulabschluss oder nicht einmal diesen. Bei einheimischen Müttern ist das nur ein Prozent. Das Schulsystem kann diese Unterschiede dann nicht mehr ausgleichen, da muss viel früher angesetzt werden.

Wann wäre der richtige Zeitpunkt?

Studien aus Frankreich und anderen Ländern zeigen, wie signifikant die Effekte von vorschulischer Bildung schon bei Drei- und Vierjährigen sind, besonders bei Migrantenkindern. Früher und häufiger Kontakt mit der Sprache des Aufnahmelandes scheint der Schlüssel zu späterem Bildungs- und Berufserfolg zu sein.

Das Arbeitsmarktproblem ist also eigentlich ein Bildungsproblem.

Nicht nur. Die Investitionen in das Bildungssystem schlagen sich nicht automatisch am Arbeitsmarkt nieder. Es ist besorgniserregend, dass Migrantenkinder mit hohem Ausbildungsniveau ebenfalls schwieriger einen angemessenen Arbeitsplatz finden als Kinder von Einheimischen. Besonders in Österreich hat das unsere Studie festgestellt. Die Beschäftigungsquote von Migrantenkindern zwischen 20 und 29 Jahren mit akademischer Ausbildung beträgt 77 Prozent, bei Einheimischen 96 Prozent.

Wie erklären Sie sich das?

Einerseits sind Netzwerke sehr wichtig, um einen guten Job zu kriegen. In den OECD-Staaten werden mehr als ein Drittel der Stellen direkt über persönliche Kontakte besetzt, bei Klein- und Mittelbetrieben ist der Anteil noch höher. Wenn wir auch noch Tipps von Freunden und Familie bei der Arbeitssuche in den Netzwerkfaktor einbeziehen, wirkt sich dieser wahrscheinlich sogar bei der überwiegenden Zahl der Stellenbesetzungen aus. Andererseits haben Migrantenkinder weniger Bewerbungs-Know-how. Wie schreibe ich einen Lebenslauf? Wie präsentiere ich mich im Bewerbungsgespräch? Und dann wäre noch der Faktor Diskriminierung. So müssen Jugendliche mit fremdländischen Namen drei- bis viermal so viele Bewerbungen schreiben als jene mit einheimischen Namen, um überhaupt zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Das wissen wir aus Studien aus Frankreich und Schweden.

Welche Maßnahmen schlagen Sie hier vor?

Zum einen sind Mentoring-Programme wichtig. Sie haben sich als effiziente und kostengünstige Möglichkeit bewährt, um Kontakte zu knüpfen. Grundsätzlich sind persönliche Begegnungen zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Arbeitgebern das beste Mittel, um gängige Vorurteile abzubauen. Auch die Schulen müssen hier unterstützend eingreifen und zum Beispiel bei der Lehrstellensuche helfen. Eine wesentliche Rolle spielt auch das gesellschaftliche Klima. Es kann negativen Einstellungen gegenüber Migranten entgegenwirken oder diese verstärken. In Portugal etwa haben sich die maßgeblichen Parteien darauf geeinigt, das Thema Einwanderung aus dem Wahlkampf herauszuhalten.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie ein Migrationshintergrund auch zum Vorteil werden kann?

Wir wissen zum Beispiel, dass Kinder aus Migrantenfamilien hochmotiviert sind. Ihre Erfahrungen aus verschiedenen Kulturen können für ein Unternehmen ein "Plus" sein.

Von der Politik kommt immer wieder der Ruf nach einem "Einwanderungsstopp". Kann sich ein Land wie Österreich leisten, Migration in den Arbeitsmarkt zu verhindern?

Die Frage stellt sich so nicht, weil Einwanderung nicht auf- und zugedreht werden kann wie ein Wasserhahn. Über Migration von EU-Bürgern innerhalb der EU können die Mitgliedstaaten nicht mehr bestimmen. Staaten, die die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben, sind verpflichtet, Flüchtlinge, die bestimmte Kriterien erfüllen, aufzunehmen. Es ist international - wenn auch mit gewissen Einschränkungen - grundsätzlich anerkannt, dass dauerhafte Zuwanderer ihre Familien ins Land holen können, genauso wie Inländer ausländische Ehepartner. Der größte Teil der regulierbaren Migration ist Arbeitsmigration aus Nicht-EU-Staaten. Länder, die bei Integration erfolgreich sind, haben meist vergleichsweise hohe Zuwanderung, weil sie zusätzlich Arbeitsmigranten aufnehmen, die bessere Arbeitsmarktergebnisse haben.