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Neue Arbeitsformen: Flexibilität ist gut -Sicherheit ist besser

Von Barbara Ottawa

Wirtschaft

Der Trend in Richtung neuer, "atypischer" Beschäftigungsformen wie Teilzeitjobs, Teleworking oder Heimarbeit ist nicht mehr aufzuhalten. Die "New Economy" entwickelt sich zwar nicht so prächtig wie man noch vor wenigen Jahren erwartet hatte, aber es gibt sie. Viele Menschen sehnen sich nun nach mehr Sicherheit in dieser neuen Welt, auch die "neue Arbeit" soll geregelt und sicher sein: Eine Herausforderung für die Gewerkschaften, die etwa in den Niederlanden sehr gut bewältigt wird, wie bei einem Symposium der ÖBV-Versicherung zum Thema "Neue Arbeit - Die Zukunft der Solidarität" zu hören war.


Noch vor 15 Jahren hat die Meinung geherrscht, dass das 20. Jahrhundert das "Roboter-Zeitalter" sein werde, in dem Menschen überhaupt nicht mehr arbeiten müssen. Jetzt ist klar, dass zwar in vielen Bereichen Maschinen die menschliche Arbeitskraft abgelöst haben, in vielen anderen Bereichen, wie der Kommunikations- und Informationstechnologie, haben sich aber neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Gerade diese brechen immer öfter mit den traditionellen Arbeitsformen. Mit dieser Umstrukturierung entstehe auch eine neue Herausforderung für die Gewerkschaften. Viele Menschen sind weniger bereit, sich mit anderen ArbeitnehmerInnen solidarisch zu zeigen. Das "Gespenst der sich entsolidarisierenden Gesellschaft", wie es Renata Schmidtkunz, Mitarbeiterin des ORF, bei dem Symposium formulierte, wurde von Ewald Walterskirchen vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) bestätigt: "Die Solidarität der Massen ist weitgehend vorbei, aber Solidarität im Team ist stärker denn je." Seiner Ansicht nach müssen die Gewerkschaften in der so genannten "New Economy" stärker Fuß fassen.

Gewerkschaften sehen Globalisierungsfalle

"Manche Konzernbosse wünschen sich schon einen Abgesang auf das europäische Sozialstaatmodell", analysierte Hans Sallmutter, Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA). Mit den steigenden Wünschen der Unternehmen nach mehr Flexibilität - "bei der Bezahlung, bei der Arbeitszeiteinteilung oder beim Arbeitsort" - komme es immer öfter zu einer erzwungenen "Selbstausbeutung" der ArbeitnehmerInnen. Sallmutter sieht es als große Aufgabe der Gewerkschaften, auch in Bereichen der "New Economy" Kollektivverträge auszuverhandeln: "Bewährtes muss in die Zukunft mitgenommen werden". Natürlich seien Anpassungen an die einzelnen Interessenlagen und Berufsgruppen nötig, aber im Kern sei die Grundidee noch immer gut. Die GPA habe in dieser Frage bereits ein "deutliches Lebenszeichen" gesetzt, da sie in Wachstumsbrachen wie EDV oder Telekom "erfolgreich attraktive Kollektivverträge" abgeschlossen habe. Derzeit gebe es in Österreich 550.000 Teilzeitbeschäftigte - davon 50.000 selbstständig und 200.000 angemeldete Geringfügig Beschäftigte. Viele würden lieber Vollzeit arbeiten, hätten aber nur Teilzeitjobs gefunden. Im Einzelhandel gebe es bereits über 70% Teilzeitbeschäftigte, berichtete Sallmutter. In Zukunft werde es noch weniger "Kernpersonal" und noch mehr Teilzeitkräfte geben. "ArbeitnehmerInnen bekommen jetzt wieder Sehnsucht nach Elementen der 'Old Economy', wie etwa der Wunsch nach Interessensvertretungen und Kollektivverträgen zeigt", analysierte der GPA-Vorsitzende. Johann Judmann, Betriebsrat der Siemens AG Austria, verteidigte die Gewerkschaften gegen die häufig geäußerte Kritik betreffend deren mangelnder Flexibilität: "Unternehmerverbände sind oft viel unflexibler als die Gewerkschaften." Oft seien es die Firmenchefs, die sich gegen Teilzeitarbeit wehren.

Neuer Stil im Umgang mit MitarbeiterInnen

Er, Judmann, wie auch andere Gewerkschaftsvertreter plädieren für Staffelungen der Arbeitszeit: Junge ArbeitnehmerInnen, die mehr Geld brauchen und mehr arbeiten wollen, sollen eine höhere Anzahl von Wochenstunden arbeiten können. Jene, "denen bereits bewusst ist, dass Lebensqualität wichtig ist", sollen etwas weniger arbeiten, und vor allem ältere ArbeitnehmerInnen, "die nicht mehr so viel arbeiten können", sollen Teilzeitbeschäftigungen ausüben. Zu finden sei eine "Brücke" zwischen Jung und Alt: "Wir müssen den Jungen die Chancen geben, die wir uns selbst gewünscht haben." Den ArbeitnehmerInnen soll auch ihr Freiraum gelassen werden. Judmann ruft allerdings zur Vorsicht auf: Zu oft werde Selbstständigkeit dazu verwendet, um das Risiko vom Unternehmen abzuwälzen. "Die Gewerkschaften sind bereits für viele Dinge offen", so Judmann.

Auch Unternehmen sind sozial engagiert

Norbert Zimmermann von der Berndorf AG sieht in der Zukunft der Arbeit eine Auflösung der Grenzen zwischen ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen. Mit einer Mitarbeiterbeteiligung, wie es sie in seinem Unternehmen bereits seit Jahren gebe, würde sich immer häufiger die Frage stellen, "Wer gibt Arbeit, wer nimmt Arbeit". Genau in dieser Entwicklung würden die Gewerkschafter die Gefahren der Zukunft sehen: Ein Arbeitnehmer dürfe nicht gezwungen sein, seine Interessen jenen des Unternehmens unterzuordnen.

Zimmermann teilt diese Befürchtungen nicht: "Selbst in den liberalsten Gesellschaften brauchen Arbeitgeber Arbeiter und wenn sie sich mit denen nicht arrangieren, dann werden sie nicht lange überleben." Für viele ArbeitnehmerInnen herrsche nicht unbedingt ein finanzieller Druck, weshalb die UnternehmerInnen einen "neuen Stil" im Umgang mit ihren Mitarbeiterinnen annehmen müssten, um diese nicht zu verlieren. Obwohl er den Gewerkschaftsvertretern - zumindest in seinem Unternehmen - gute Fähigkeiten attestiert und in vielen Fragen ein gutes Gesprächsklima ortet, so ist Zimmermann doch überzeugt, dass es "in Österreich sehr schwer ist, Mauern zu überwinden". Peter Strahammer, Vorstandsmitglied der VOEST Alpine Stahl AG, verteidigte das soziale Engagement der UnternehmerInnen. In seiner Firma etwa gebe es ein Programm für ältere ArbeitnehmerInnen, das "Productive Aging". Außerdem sei die Einstellung gegenüber der Frauenbeschäftigung zu ändern. Die Verantwortung liege auch bei den ManagerInnen: Sie müssten die Menschen in den Mittelpunkt stellen und ihnen helfen, Ängste vor Veränderungen abbauen zu können.

Weiterbildung gewinnt an Bedeutung

Künftig würden mehr international mobile Arbeitskräfte gesucht, die auch mit anderen Kulturen umgehen können, meint Strahammer. Hier liege eine "ganz besondere Chance Österreichs". Allerdings, und dabei zeigte er sich mit Judmann einig, müsse die Weiterbildung unbedingt einen höheren Stellenwert erhalten. Derzeit würden 90% der Bildungsgelder in die Ausbildung und lediglich 10% in die Weiterbildung fließen. Dies sei laut Strahammer ein "nicht haltbarer Zustand".

Vor allem die ÖsterreicherInnen seien "ein auf Sicherheitsbedürfnisse ausgerichtetes Völkchen", so Strahammer. Die österreichische Gesellschaft sei "postmonarchistisch und hierarchisch" aufgebaut, was bedinge, dass das Individuum einen anderen Stellenwert habe als etwa in den Niederlanden. Dort wurden Mitte der 90er Jahre Verträge zwischen Gewerkschaften und Unternehmen abgeschlossen, in denen sich letztere verpflichteten, Teilzeitarbeit anzubieten. "Viele Menschen wollten keine Halbtagsjobs, die nur von den Firmen bestimmt waren. Sie wollten in der Arbeitsgestaltung mitreden", berichtete Ieke van den Burg, Funktionärin im Niederländischen Gewerkschaftsbund FNV und Abgeordnete zum Europaparlament der Partei der Arbeit. Einen weiteren Standpunkt bot der Priester und Mitarbeiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs, Johannes Schasching. Er forderte bei dem ÖBV-Symposium namens der Kirche das "Recht auf Arbeit". Dieses Menschenrecht sei entscheidend für die Selbstverwirklichung des Menschen.