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Neue Bezahlsysteme für mehr Bequemlichkeit

Von Andrea Möchel

Wirtschaft
© fotolia/Artur Marciniec

Die Zahlungsverkehrsbranche steht vor einem totalen Umbruch. Der Bankensektor reagiert noch verhalten.


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Wien. Als Apple Anfang September 2014 mit "Apple Pay" ein eigenes Bezahlsystem präsentierte, reihte sich die Kultmarke nahtlos in die Schar jener Unternehmen ein, die den Kunden das Bezahlen so einfach wie nur möglich machen wollen. Ob Apple Pay, Google Wallet oder Paypal - die Devise im modernen Zahlungsverkehr lautet "kontaktloses Bezahlen", womit sowohl Geldbörse als auch Kreditkarte an der Kasse ausgedient haben. Stattdessen erledigt man das "Mobile Payment" zum Beispiel, wie bei Apple Pay, via Smartphone. Laut Mastercard laufen in Kanada und Großbritannien bereits jetzt 20 Prozent der Bezahlungen kontaktlos ab.

Technische Innovationen für den Zahlungsverkehr sind derzeit also äußerst angesagt. Und sie bringen neue Player in Konkurrenz zu Banken und Kreditinstituten. Zu diesem Schluss kommt die Studie "Bank Challenger" des Unternehmensberaters KPMG, für die sowohl herkömmliche Zahlungsverkehrsdienstleister wie auch neue Anbieter, die sogenannten Bank Challenger, befragt wurden. "Wir wollen damit Trends, Chancen, Risiken und Handlungsempfehlungen für beide Gruppen ableiten", skizziert KPMG-Experte Bernd Oppold die Intention der Studie. Für ihn steht fest: "In den nächsten Jahren werden sich die Branche und auch unsere Bezahl-Gewohnheiten stark verändern." Angesichts einer Vielzahl technischer Innovationen und sich ändernder Kundenbedürfnisse befindet sich die gesamte Zahlungsbranche längst in einer Phase des Umbruchs.

Kunde ist König

Die technischen Möglichkeiten dafür liefern die sogenannten Fintech, moderne Technologien, die für die Bereitstellung finanzieller Dienstleistungen eingesetzt werden. Als Start-ups entwickeln sie ebenso bequeme wie sichere Mehrwert-Lösungen für ihre Kunden - und das mit hoher Innovationsgeschwindigkeit und neuester IT-Technologie. "Künftig werden wir dank modularer IT mit jedem Medium auch Zahlungen veranlassen können", ist Sven Korschinowski, Experte für Zahlungsverkehr bei KPMG, überzeugt.

Die Digitalisierung beeinflusst also zunehmend die Art, wie Menschen zahlen. Die Technik verändert sich derzeit allerdings schneller als die menschlichen Gewohnheiten, "und das bedeutet ein Investitionsrisiko für Zahlungsverkehrsdienstleistungen", räumt KPMG ein. Derzeit sind es vor allem die Bank Challenger, die reagieren und sich den neuen Erwartungen der Kunden anpassen. Sie bieten Services an, die traditionelle Anbieter (noch) nicht leisten. "Die Bank Challenger schieben sich nun zwischen Kunde und Bank", erklärt Sven Korschinowski. "Allerdings führt das auch dazu, dass die Banken dazulernen - eben am Vorbild der Kundenorientiertheit ihrer neuen Wettbewerber."

Keine Bedrohung fürs Bargeld

Die Experten gehen mittelfristig nicht davon aus, dass herkömmliche Zahlverfahren verdrängt werden. Vielmehr wird innovatives und traditionelles Bezahlen nebeneinander existieren. "Die Vielfalt der Bezahlsysteme wird auch künftig bestehen bleiben, auch das Bargeld hat seine Berechtigung", betont Jürgen Bott, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Kaiserslautern, in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche". Bott berät Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Europäische Kommission beim Thema Zahlungsverkehr.

"Auch bei der Abwicklung von Massenzahlungsverkehr und High Value Payments erscheinen die Bank Challenger heute noch nicht als Bedrohung für die klassischen Anbieter", ergänzt KPMG-Experte Korschinowski. Aber: "Mit Blick auf Internet-Giganten wie Apple oder Google ist der Respekt vor globalen Game Changer-Plattformen groß."

Als wesentliche Einflussfaktoren für die weitere Entwicklung definieren sowohl die neuen Player als auch die Banken Kundenverhalten und Kundenansprüche sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen. "Für ein Drittel der befragten Challenger ist die technologische Innovation der wichtigste Treiber", weiß Sven Korschinowski.

Banken haben Nachholbedarf

Die Banken zeigen sich angesichts der neuen Konkurrenz demonstrativ unbeeindruckt, so die KPMG-Studie. "Erstaunlich ist, dass die Retail-Banker recht große Gelassenheit zeigen. Sie glauben, mit ihren Erfahrungen im Bankbetrieb und Risikomanagement den Herausforderern den Wind aus den Segeln nehmen zu können", meint Sven Korschinowski. Weniger als zehn Prozent glauben, dass Bank Challenger den Zahlungsverkehr im Retail-Sektor auf mittlere Sicht bestimmen werden. Ihr Credo: Das Bankkonto werde auch künftig die Basis jeder Zahltransaktion darstellen. Mobile Payment sei nur die Initiierung. Die Zahlmethode bleibe häufig die Kreditkarte oder die Lastschrift.

Die KPMG-Experten sehen das anders: "Die Änderungen im Zahlungsverkehr haben begonnen. Banken im Retail-Bereich müssen jetzt mit einer Strategie antworten. Die Transaction-Banker sollten die richtigen Weichen stellen."

Dennoch ist die Schlacht nicht entschieden. "Die Banken können verlorenes Terrain in der digitalen Wirtschaft zurückgewinnen, wenn sie ihre Innovationskräfte mit denen der Nicht-Banken sinnvoll koppeln", ist auch Jürgen Bott überzeugt.

Doch Dienstleister und Banken hätten Investitionen in die neue Technik lange gescheut, weil der Aufbau eines neuen Bezahlverfahrens viel Geld verschlingt und sich erst nach einer längeren Durststrecke rechnet. "Die Bereitschaft für derartige Investitionen setzt nachhaltige Rechtssicherheit voraus", betont Bott. "Deshalb muss europäisches Recht den Rahmen für Investitionen bieten. Dann wird sich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Zahlungsverkehrsindustrie nachhaltig verbessern. Die für den Erfolg notwendigen qualifizierten Menschen und Technologien haben wir."