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Neue Denkansätze und Antibiotika gefragt

Von Christa Karas

Wissen

Die Forschungsanstrengungen der vergangenen Jahrzehnte waren enorm und haben in zahlreichen Fällen die Situation verbessert. Doch die weitgehende Hilflosigkeit gegen Viren wie etwa HIV, das vor allem in Afrika die Bevölkerung ganzer Landstriche ausrottet und die ohnehin unterentwickelte Wirtschaft zum Erliegen bringt, ist ebenso augenfällig wie die bestürzende Resistenzbildung von Bakterien gegen Antibiotika. Hinzu kommt noch die weitgehend unbekannte Pathogenese von neuerdings oder wieder auftretenden Krankheiten wie Ebola oder der neuen Form von Creutzfeldt-Jakob sowie von BSE bei Tieren.


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So haben die Forscher im Kampf gegen resistente Bakterien erst jüngst wieder einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Wie Mediziner der Harvard Universität (USA) in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" berichteten, gibt es nur ein Jahr nach der Einführung eines völlig neu entwickelten Antibiotikums einen ersten resistenten Staphylokokkenstrang. Das sei zwar bedauerlich, so die Autoren resigniert, aber auch zu erwarten und "nur eine Frage der Zeit" gewesen. Das Medikament Zyvox könne trotzdem noch vielen Menschen helfen, zumal noch nicht absehbar sei, ob es sich bei der Resistenzbildung um einen Einzelfall handle oder ob sie sich durchsetzen werde. Immerhin ist Zyvox bzw. Linezolid den Angaben zufolge das seit 35 Jahren erste völlig neue Antibiotikum, das gegen multiresistente Bakterienstämme entwickelt wurde. Staphylokokken sind hingegen in Krankenhäusern eine der Hauptursachen für Infektionen.

"Da wird man wahrscheinlich ganz neue Denkansätze benötigen, um eine der wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern", brachte Prof. Mark E.J. Woolhouse von der Universität Edinburgh das Problem jüngst auf den Punkt. Diese gibt es freilich längst, wie ein neues Beispiel beweist: So haben US-Forscher nun künstliche Antibiotika entwickelt, die resistenten Bakterien zu Leibe rücken könnten. Ein Team um Reza Ghadiri vom kalifornischen Scripps Forschungsinstitut hat dazu kleine Eiweißmoleküle hergestellt, so genannte Peptide, die sich in den Zellwänden von Bakterien zu einer Röhre zusammenrollen. Die Zellwände werden durchlöchert, die Bakterien sterben ab.

In ersten Versuchen an Mäusen wirkten die Peptide auch gegen einen Antibiotika-resistenten Stamm der Bakterienart Staphylococcus aureus, berichteten die Wissenschafter im britischen Wissenschaftsjournal "Nature". Das Vorbild für die Entwicklung dieser künstlichen Antibiotika lieferten Pflanzen und Tiere, von denen viele antibakteriell wirkende Peptide zur Selbstverteidigung produzieren. Schon seit langem bemühen sich Forscher, diese Eiweißmoleküle auch für den Menschen nutzbar zu machen. Dies scheiterte bisher vor allem daran, als die natürlichen Peptide so groß sind, dass sie nur sehr langsam durch das Gewebe an den Entzündungsort gelangen. Die nun entwickelten Moleküle sind kleiner und offenbar leichter beweglich. Im Tierversuch wirkten sie auch, wenn sie nicht direkt in den Infektionsherd gespritzt wurden.

Gegen Fehlentscheidungen sind freilich auch die luzidesten Forscherköpfe machtlos. Hunderttausende Tiere dem Prestigestatus vorgeblicher "Seuchenfreiheit" zu opfern, hat im Fall MKS in jeder Hinsicht bei weitem mehr gekostet, als dies der Fall gewesen wäre, hätte man sie mit dem schon lange vorhandenen Vakzin gegen die Seuche geimpft.