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Neue Forschungswege zum "Gewitter im Gehirn"

Von Lauran Neergaard

Wissen

Bei der langwierigen Suche nach den genauen Ursachen einer der rätselhaftesten Krankheiten, der Epilepsie, breitet sich derzeit unter den Forschern Optimismus aus. "Es gibt eine fast spürbare Aufbruchsstimmung", erklärte der Mediziner Timothy Pedley vom Columbia-Presbyterian Medical Center in New York jüngst bei einem von den Gesundheitsinstituten der USA veranstalteten Fachkongress.


Mindestens fünf Prozent aller Menschen erleiden in ihrem Leben mindestens einen epileptischen Anfall. Bewirkt wird er im Wesentlichen von einem Sturm elektrischer Entladungen im Gehirn - sozusagen einem Gewitter im Kopf. Gehirnfunktionsstörungen führen zu Krämpfen. Wenn die Neuronen-Entladungen in genügend schneller Folge stattfinden, kommt es zum Anfall. Dessen Symptome reichen vom kurzzeitigen Stieren mit glasigen Augen über Zuckungen bis zu Konvulsionen und Bewusstlosigkeit.

Manche Menschen werden als Epileptiker geboren, andere entwickeln die Krankheit als Folge äußerer Einwirkung und körperlicher Disposition. So kann sich Epilepsie etwa Jahre nach einer Schädelverletzung einstellen, nach einem Schlaganfall oder einer schweren Infektionskrankheit wie Meningitis. Wen ein solches Schicksal treffen wird und wen nicht, lässt sich nicht voraussagen.

Es gibt rund zwei Dutzend Medikamente, mit denen bei einem sehr großen Teil der Patienten Anfälle verhindert werden können. Sie wirken aber nicht bei allen Betroffenen.

In letzter Zeit wurden jedoch Aufsehen erregende Erkenntnisse über das komplexe Zusammenspiel von chemischen Substanzen, Zellen und Genen gewonnen, das die Anfälle herbeiführt. So weiß man jetzt, dass das Abhandenkommen eines Proteins mit der Bezeichnung Cystatin B Anfälle zunehmender Intensität bei Patienten bewirkt, die unter progressiver myoklonischer Epilepsie (Muskelzuckungen) leiden. Der nächste logische Schritt wäre, solchen Patienten wieder zu dem fehlenden Protein zu verhelfen, etwa durch entsprechende Medikamente.

Die Forscher sind dabei, jene Neurotransmitter zu identifizieren, die ungewöhnliche elektrische Signale oder das Entstehen abnormaler Stromkreise im Hirn hervorrufen. So werden auch die Stellen gefunden, an denen Medikamente ansetzen müssten. Ein anderes Forschungsfeld bezieht sich auf die Entwicklung von Mitteln, die das Entstehen von Epilepsie nach Hirntraumata bremsen könnten.

Nicht zuletzt bemüht man sich im Elektronikbereich um die Entwicklung von Vorwarn- und automatischen Behandlungsgeräten. Mikrochip-Sensoren sollen sich anbahnende Anfälle rechtzeitig entdecken und winzige, im Körper implantierte Pumpen in Gang setzen. Diese sollen die hemmenden Substanzen gezielt zu jenen Zellen befördern, bei denen die elektrischen Entladungen einsetzen, damit nicht das gesamte Gehirn mit Chemie überschwemmt wird.

Es wird noch ein Jahrzehnt dauern, bis derartige Geräte einsatzfähig sind. Die klinische Erprobung anderer neuer Behandlungsmethoden könnte nach Angaben von Wissenschaftern jedoch schon in etwa einem Jahr beginnen. AP