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Neue Generation von Taliban setzt Pakistan zu

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Militanter Islamismus macht sich im Nordwesten breit. | Neu Delhi. Mit seinem wilden Mullah-Bart und dem bunten Turban verkörpert Maulana Fazul ur Rehman das westliche Schreckensbild des religiösen Hardliners. Der pakistanische Politiker tritt für einen "reinen, islamischen Staat" ein. Mit beißender, anti-amerikanischer Rhetorik begeistert er seine Anhänger. Mit den Hunderten von Madrassen, die seine Partei in ganz Pakistan betreibt, verfügt er über enormen Einfluss. Doch der frühere Taliban-Mentor und Chef der Jamiat Ulema-i-Islam fühlt sich ins Abseits gedrängt.


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Im April letzten Jahres verfehlte ein Geschoss sein Haus in Dera Ismail Khan nur knapp. Ein paar Monate später entdeckte der pakistanische Geheimdienst eine Todesliste der afghanischen und pakistanischen Taliban mit dem Namen des Geistlichen drauf.

Eine neue Generation der Taliban drängt Leute wie Rehman zunehmend in den Hintergrund. Verglichen mit ihnen gilt Rehman als moderat. Er sehe in der Entwicklung eine Parallele zu Afghanistan, hat Rehman gegenüber dem US-Journalisten Nicholas Schmidle gesagt. Als dort der Jihad der Taliban gegen die Sowjetunion begann, brach die Herrschaft der alten Stammesfürsten zusammen; eine neue Führung kam ans Ruder, die den Heiligen Krieg predigte. Ähnliches passiere in Pakistan, wo eine neue Führungsschicht aus jungen, militanten Extremisten entstanden sei, meint Rehman.

Der Nordwesten Pakistans ist eine unwirtliche, gesetzlose Gegend, ein Art Wilder Westen ohne Western-Romantik. Er ist einer der politisch explosivsten Flecken der Erde, wo das Gesetz der Kalaschnikow regiert. Hier, in den so genannten Stammesgebieten, haben sich Taliban und Al-Kaida-Kämpfer festgesetzt, hier soll auch das Versteck von Osama bin Laden, dem meistgesuchten Mann der Welt, sein.

150 "Brudermorde"

In den letzten fünf Jahren haben die Taliban dort mehr als 150 regierungstreue Stammesälteste umgebracht. Manchmal warfen die Mörder die Leichen ihrer Opfer gut sichtbar an den Wegesrand mit einem Schild in Paschtunisch, der die Toten als US-Spione brandmarkte. Die Taliban zerstörten eine Jahrhunderte alte Herrschaftstradition. Nun diktieren die neuen Herren das Leben in den Stammesgebieten. Im kargen Bergland florieren Drogen- und Waffenhandel. Schulen für Mädchen sind geschlossen, ebenso Geschäfte, die es früher einmal wagten, DVDs und CDs zu verkaufen.

Der Grenzgürtel zwischen Pakistan und Afghanistan ist von Paschtunen dominiert, eine Gruppe von etwa 20 Millionen Menschen, die jenseits und diesseits der Grenze leben. Die USA, Saudiarabien und Pakistan haben sich auf sie gestützt, um die Sowjetunion in den 1980er Jahren aus Afghanistan zu vertreiben. Paschtunen vergleichen die US-Präsenz in Afghanistan heute gern mit der sowjetischen Invasion. Auch der Anti-Terror-Kampf in Pakistan findet bei ihnen nur wenig Gefallen. Die Armee gilt in der Stammesregion als fremde Macht.

Die Bevölkerung sieht sich in die Schusslinie zwischen Taliban und Regierung. Weil die pakistanische Armee im Moment eine groß angelegte Militärkampagne gegen die Militanten in den Gebieten führt, haben zudem bereits 300.00 Menschen ihre Heimat verlassen. Pakistan möchte so die Situation in den Stammesgebieten wieder in den Griff bekommen. Doch es wird schwer sein, diesen Kampf mit Waffen zu gewinnen.