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Neue Machtblöcke, alte Inflationssorgen

Von Alexander Eberan und Karl Freidl

Gastkommentare
Alexander Eberan leitet das Private Banking der Steiermärkischen Sparkasse in Wien.
© Thomas Raggam

Was steht hinter der Kürzung der Ölförderung? Und wie teuer wird Öl?


Die jüngste Ankündigung der Ölallianz Opec+, die Ölförderung zu drosseln, hat für Überraschung an den Weltmärkten geführt und darf als Vorbote eines neuen Machtgefüges verstanden werden. Die 23 Staaten der Opec+ haben einen Marktanteil von gut 40 Prozent. Diese Vormachtstellung lassen sie den vom Rohstoff Öl abhängigen Westen immer wieder spüren. Hinter den Kulissen geht es aber längst um mehr, nämlich um eine schrittweise Machtverschiebung.

An den Börsen hat die nahezu überfallsartige Nachricht der Ölstaaten zu Beginn der Woche zu einem Anstieg der Ölpreise geführt, eine nachhaltige Eintrübung dürfte aber nicht eintreten. Der April gilt generell als ein sehr starker Börsenmonat, wenn man die Vergangenheit als Messlatte nimmt. Mehrere Indizes wie der DAX, der Dow Jones oder auch der MSCI World Country Index, der 3.000 Aktien in 48 Ländern abbildet, legten in einem Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten jeweils im April besonders stark zu. Dazu fanden in den vergangenen Jahren immer wieder Osterrallys statt, die der Börsenaltmeister André Kostolany (1906 bis 1999) mit der allgemein guten Stimmung rund um Feiertage erklärte.

Neuerliche Preisanstiege?

Die historischen Trends sind aber nie eine sichere Prognose, denn die zukünftige Entwicklung der Aktienmärkte hängt von vielen Faktoren ab, etwa der Wirtschaftslage, geopolitischen Ereignissen oder eben auch dem Ölpreis. Wenn er steigt, schürt das sofort Ängste vor neuerlichen Preisanstiegen quer durch alle Branchen und weiteren Zinserhöhungen durch die Notenbanken.

Ab Mai dürfte die Opec+ die Produktion um rund eine Million Barrel (je 159 Liter) pro Tag kürzen. Ab Juli werden dann sogar täglich mehr als 1,5 Millionen Barrel weniger auf dem Markt sein, da dann die lange angekündigte russische Förderkürzung hinzukommt. Diese Aussicht ließ den Preis für das Barrel Brent zu Wochenbeginn auf rund 85 Dollar klettern. Seit den massiven Preisspitzen im ersten Quartal 2022 sind die Ölpreise im Wesentlichen zurückgegangen - sehr zur Erleichterung der weltweiten Verbraucher, die sich mit einer hohen Inflation konfrontiert sehen. Mitte März war es mit unter 73 Dollar der tiefste Stand seit Ende 2021. Die Prognosen für Brent liegen nun schon bei 95 Dollar für das laufende Jahr, für 2024 sogar bei rund 100 US-Dollar.

Billiges Öl für China

Überraschend kam der Schritt nicht nur, weil Änderungen in der Produktion normalerweise nach fest terminierten Beratungen stattfinden. Darüber hinaus hatten die Opec-Staaten, allen voran Saudi-Arabien, bis zuletzt eine konstante Förderung signalisiert. Der saudische Energieminister Abdulaziz bin Salman hatte noch vor wenigen Wochen betont, die Opec+ wolle ihr Produktionsziel bis Ende des Jahres beibehalten. Die nun erfolgte Strategie-Änderung dürfte darauf hindeuten, dass die Ölallianz künftig präventiv handeln möchte, um den Ölpreis auf einem von ihr gewünschten Niveau zu halten.

Somit stehen gewiss wichtige wirtschaftliche, aber vermutlich auch machtpolitische Überlegungen dahinter. An vorderster Stelle agiert China, das sich in hohem Maße Zugriff auf Energie und Rohstoffe sichert. Es hat kürzlich eine Annäherung zwischen den Feinden Iran und Saudi-Arabien vermittelt. Nun investiert China Milliarden im vom Westen sanktionierten Iran und bekommt dafür Öl deutlich unter Weltmarktpreis, ebenso aus Russland und Venezuela. Diese drei Länder besitzen rund 40 Prozent der derzeit bekannten weltweiten Ölreserven.

Auch die Bande zu Saudi-Arabien knüpft China enger. Das Öl der Saudis wird es in seiner Währung Renminbi bezahlen. Im Gegenzug baut China im Königreich Industrien und Raffineriekapazitäten. Dem Vorbild Saudi-Arabiens könnten die anderen Golfstaaten folgen. Sie dürfen ihr Öl zu Weltmarktpreisen anbieten, da sie nicht wie Russland oder Venezuela mit Sanktionen belegt sind.

Ein Weckruf für den Westen

China möchte eine Gruppe von Staaten um sich scharen, die der westlichen Weltordnung unter der Führung der USA skeptisch gegenüberstehen. Neben den bereits genannten Ländern sind das vor allem Brasilien, Argentinien, Indonesien, aber auch Indien, um nur einige zu nennen. Afrika steht schon lange unter russischem und chinesischem Einfluss. Das Ziel ist ein Block, der miteinander handelt und dabei den US-Dollar meidet. Von diesem möchten sich viele Länder nicht zuletzt wegen der Sanktionen gegen die russische Notenbank infolge des Angriffs auf die Ukraine lösen. Aus Sorge, eines Tages ähnlich sanktioniert zu werden, wollen sie unabhängiger werden.

Die Ablöse des US-Dollar als internationale Leitwährung und die Vorboten für ein neues Machtgefüge stehen zwar nicht unmittelbar bevor, sollten aber ein Weckruf für den Westen sein. Er muss sich auf dauerhaft hohe Rohstoffpreise einstellen, nicht nur für Energie. So sind bereits Bestrebungen Indonesiens zu beobachten, ein Kartell für den Handel mit Lithium zu installieren. Dieser nicht nachwachsende Rohstoff wird für die Erzeugung von Batterien für E-Autos und für die Akkus von Notebooks und Handys gebraucht. Der Westen muss danach trachten, seine strategische Autonomie bei wichtigen Rohstoffen, Technologien und der Energieversorgung zurückzugewinnen beziehungsweise auszubauen.