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Neue Märkte sollen aus Krise helfen

Von Veronika Gasser

Wirtschaft
Im Industriezentrum von Gaziantep werden vor allem Textilien erzeugt. Foto: vega

Fall der Visapflicht bessert Beziehungen der Türkei zu Syrien. | Großaufträge für Baufirmen im Irak. | Gaziantep/Ankara. Die Türkei befindet sich im Wandel: Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich geht der Staat seit dem Regierungsantritt von Recep Tayyip Erdogan neue Wege. Parallel zu den Bemühungen, in die Europäische Union aufgenommen zu werden, findet eine auffällige Hinwendung zu den südlichen und östlichen Nachbarstaaten - allen voran Irak und Syrien - statt. Diese ist das Resultat der "Null-Problem-Politik" mit den Nachbarn, die von Erdogan und seinem Außenminister Ahmet Davutoglu forciert wird.


"Die Türkei hat in letzter Zeit die Beziehungen mit den östlichen Nachbarn wesentlich verbessert. Die jahrelangen Probleme mit Syrien und dem Irak wegen rebellierender PKK-Kämpfer sind aus der Welt geschafft", sagt Hüseyin Celik, der stellvertretende Vorsitzende der regierenden AKP. Von dieser Politik profitiert auch die türkische Wirtschaft.

Türkische Bauunternehmen konnten sich große Aufträge im Irak sichern, sie sind am Wiederaufbau von Verwaltungsgebäuden und Spitälern massiv beteiligt. "Wir sind weltweit am Bausektor bereits die Nummer zwei nach den Chinesen", betont der Vorsitzende der türkischen Unternehmervereinigung DEIK, Cafer Sait Okray. Trotzdem gebe es im Irak ein hartes Match mit den Chinesen, da diese mit ihren schlechter bezahlten Arbeitskräften die Preise zu unterbieten wüssten.

Der rege wirtschaftliche Austausch mit dem Irak, Syrien und dem Iran soll der Türkei rascher aus der Krise helfen. Diese drei Staaten sind nämlich von der krisengeschüttelten Weltwirtschaft stärker abgekoppelt als Europa.

Stadt Gaziantep fungiert als Drehscheibe

Die Drehscheibe für die Neuorientierung ist Gaziantep. Die Stadt mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern liegt etwa 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Sie ist das Vorzeigeprojekt der türkischen Regierung. Gaziantep hat in den letzen Jahren einen unübersehbaren Aufschwung genommen. Im westlichen Teil wurde eine Vielzahl neuer Wohnhäuser errichtet, im Osten entstand ein großes Industriegebiet. 700 Betriebe haben sich hier bereits angesiedelt.

Der Bürgermeister von Gaziantep, Asim Güzelbey, verweist darauf, dass seine Stadt nicht nur für Geschäftsleute, sondern auch für Touristen attraktiv ist: "Gaziantep ist eine der ältesten Städte. Sie hat eine Geschichte, die 5600 Jahre zurückreicht. Wir haben viele historische Sehenswürdigkeiten." Der studierte Orthopäde, der auch in Deutschland gelebt hat, erklärt die neue Stadtplanung: "Wir haben Häuser, die ohne Genehmigung gebaut waren, abgerissen und durch neue ersetzt."

Auffällig ist das harmonische Zusammenleben zwischen Türken und Kurden in der Region um Gaziantep. Die Kurdenpartei DTP hatte es deshalb bei der letzten Wahl sehr schwer und musste eine Niederlage einstecken.

Cengiz Simsek ist Generaldirektor des Industriegebiets von Gaziantep: "Ich bin Kurde, aber das spielt keine Rolle." Lieber als über die Kurdenfrage spricht er über sein Vorzeigeprojekt: "2008 konnten wir Waren im Wert von 3,5 Milliarden Dollar exportieren."

Der wichtigste Handelspartner ist mit 40 Prozent des Exportvolumens der Irak, wohin vor allem Textilien, Teppiche und Nahrungsmittel geliefert werden. Die EU spielt mit 25 Prozent die zweite Geige, danach folgen die Staaten des Mittleren Ostens und Syrien. "Der Irak ist unser Zukunftsmarkt, er beginnt sich zu stabilisieren. Wir hoffen daher auf eine stark wachsende Zusammenarbeit. Zu Syrien hatten wir in den letzten Jahren keine gute Beziehung, aber durch die Aufhebung der Visapflicht hat sich das schlagartig geändert."

Ein Vorzeigebetrieb ist die Sanko-Holding, die in der südanatolischen Stadt 14 Tonnen Handtücher und 2500 Bettbezüge pro Tag herstellt. "Unsere Produkte werden exportiert; zur einen Hälfte in die USA, zur anderen in die EU", erzählt Sanko-Direktor Abdulkadir Konukoglu.

Einmal im Jahr findet in Gaziantep die Irak-Messe statt, die speziell auf die Bedürfnisse des vom Krieg zerstörten Landes zugeschnitten ist. Dorthin kommen auch österreichische Aussteller und Vertreter. Und noch in einer weiteren Hinsicht spielt Österreich eine Rolle. "Viele Unternehmen arbeiten mit Maschinen aus Österreich", erzählt Simsek. Er hofft, dass sich auch diese Kooperation in Zukunft noch verstärken wird.