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Neue Perspektive statt Pensionsschock

Von Leopold Stieger und Gerald Hüther

Wirtschaft

Eigene Potenziale neu ausloten statt resignieren. | Vor allem jene betroffen, die sich stark mit dem Beruf identifiziert haben. | Wien. In Österreich gilt der wohlverdiente Ruhestand als erstrebenswert. Die Menschen fiebern der Pension regelrecht entgegen und hegen paradiesische Vorstellungen. In der Realität kommt es jedoch immer wieder zu heftigen und schmerzvollen Kollisionen mit diesem Wunschtraum, denn die Pension hat nichts mit Urlaub zu tun.


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Das Nichtstun kann am Anfang durchaus erbaulich sein, aber spätestens nach zwei Monaten geht es einem auf und an die Nerven. Dies gilt insbesondere für Menschen, die sich in hohem Maße beruflich engagiert und stark mit ihrer Arbeit identifiziert haben. Es schmeichelt keiner Seele, wenn niemand mehr anruft und man tagtäglich Desinteresse demonstriert bekommt. Dabei ist dieser Sturz in das schwarze Loch vermeidbar, wenn man sich auf die Pension vorbereitet. Dies ist allein schon aus Gründen der stetig wachsenden Lebenserwartung ein Gebot der Stunde. Wem nützen lange Jahre in der Pension, wenn diese dann doch unglücklich sind?

Das Mysterium der dritten Lebensphase

In der Regel bereiten sich Menschen auf die zweite Lebensphase, das Berufsleben, intensiv vor. Die dritte Lebensphase wird jedoch meist nicht geplant. Oft sind Sprüche wie "Ich freue mich schon auf meine Pensionierung" und "Ich habe so viele Hobbys - oder Enkelkinder" die einzige Vorbereitung. Warum? Vielfach können wir uns diese neue Phase nicht vorstellen. Wer früher das Pensionsalter erreicht hatte, war meist müde und bald pflegebedürftig. Heute aber sind Menschen nach dem Pensionsantritt in der Regel noch 20 Jahre fit, bevor die Phase der Pflegebedürftigkeit beginnt.

Der "Himmel Pension" sieht oft so aus, dass nach einer Phase der Erholung und der Erledigung ewig aufgeschobener Arbeiten eine große Leere kommt. Die gefühlte Sinnlosigkeit und das Gefühl des Nicht-Gebraucht-Werdens schlagen brutal zu. Diese psychische Belastung führt leicht zu einem unkontrollierbaren Dauerstress, der mit Ohnmachtsgefühlen und Hilflosigkeit einhergeht. So lassen sich keine kreativen Lösungen für den Umgang mit der neuen Situation finden.

Und das kann gravierende körperliche Folgen haben: Im Gehirn kommt es zur Aktivierung von Notfallreaktionen, das Herz-Kreislauf-System wird belastet, Cortisol wird vermehrt ausgeschüttet und damit das Immunsystem unterdrückt, die Testosteronproduktion gehemmt und weitere körperliche Regelprozesse destabilisiert.

Die Folgen dieser nicht abstellbaren Notfallreaktionen machen über kurz oder lang krank, entweder körperlich oder psychisch in Form angstbedingter Störungen wie Depressionen, Zwangs- und Angststörungen. Das wird meist erst später sichtbar, denn am Beginn dieser fatalen Reaktionskette steht zunächst oft nur eine durch hektische Betriebsamkeit überspielte Resignation.

Das plötzliche und unerwartete Ausscheiden aus der bisher gewohnten Welt wird - vor allem bei Männern - zunächst meist mit Unverständnis, allmählich mit Vorwürfen an die Umgebung, mit der Feststellung von Undankbarkeit und mit Verhärtung beantwortet. Das gilt ganz besonders für ehemalige Führungskräfte, die plötzlich nicht mehr so gefragt sind, nicht mehr so zahlreich zu - früher belastenden - Veranstaltungen eingeladen werden. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Hinausgezögerter Abschied hilft nicht

Früher gab es in vielen Unternehmen spezielle Vorbereitungsseminare. In den vergangenen Jahren fielen diese jedoch oft dem Rechenstift zum Opfer. Einzelne Unternehmen hatten bemerkt, dass ihnen mit den ausscheidenden Mitarbeitern wichtiges Potenzial verloren geht. Sie haben versucht, gut brauchbare, hochqualifizierte und erfahrene Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten.

Das ist eine Zwischenlösung, bei der das Ausscheiden jedoch nur nach hinten verlagert wird, aber kein wirklich neuer Ansatz. Die Verlängerung dessen, was ein Mitarbeiter bisher auch schon gemacht hat, hilft dem Betreffenden nicht, eine neue Perspektive für sein Leben nach der Pensionierung zu entwickeln.

Der Schlüssel zu einer erfüllten und glücklichen dritten Lebensphase liegt in den eigenen Potenzialen, Interessen und Kenntnissen. Sie gesamthaft anzusehen und daraus eine zukunftsorientierte Perspektive zu entwickeln, bedeutet den Blick noch einmal zu öffnen für das, was man aus seinem Leben machen will.

Es geht darum, mit den eigenen Stärken etwas Neues anzugehen, das Alter nicht als Abstellgleis zu sehen. Die Gesellschaft der Zukunft wird eine der Potenzialentwicklung sein.

Es gibt genug 80- oder 90-jährige Männer und Frauen, die ohne weiteres Unternehmen leiten oder Erfolge als Künstler oder Berater haben. Die Älteren verfügen über Potenziale, die man oft nicht sieht, weil Klischees und negative Stereotypen den Blick darauf verstellen. Die Potenziale älterer Menschen lassen sich nur herausfinden, wenn diese sich nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit noch einmal ernsthaft fragen, ob das, was sie bisher gemacht haben, wirklich das war, was sie in ihrem und aus ihrem Leben machten wollten. Ob es da nicht noch etwas gibt, was sich noch gar nicht entfalten konnte. Unternehmen brauchen diese Menschen für neue Angebote, die als "business cases" einer Firma die Wahl der Annahme oder Ablehnung lassen. Hier können dann die Potenziale anders kombiniert und mit neu entdeckten verwoben werden.

In der dritten Lebensphase geht es also um Erfüllung, Sinn und Bedeutsamkeit sowie um das Wiederfinden der eigenen Begeisterungsfähigkeit, vergleichbar mit der Entdeckung eines unbekannten Kontinents. Kolumbus war davon überzeugt, hinter dem Meer Indien zu finden. Was er dabei aber gefunden hatte, war ein neuer Kontinent.

Prof. Gerald Hüther ist Leiter der Neurobiologischen Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg. Leopold Stieger ist Gründer der Plattform www.Seniors4success.at