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Neue Pille für "lange danach"

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Wissen
Befruchtung einer Eizelle. Die Pille vehindert das Einnisten in die Gebärmutter. Foto: corbis

EU-Kommission hat Pille zugelassen. | Befürworter kritisieren Kosten, Gegner Banalisierung von Abtreibungen. | Paris. Für die einen ist sie ein Segen im Kampf gegen ungewollte Teenager-Schwangerschaften und Abtreibungen, für die anderen ein gefährliches Mittel zur Tötung ungeborenen Lebens: Die neue Pille EllaOne soll der französischen Arzneimittel-Firma HRA Pharma zufolge die Empfängnis noch bis zu fünf Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr verhindern, wenn andere Verhütungsmethoden versagt haben oder etwa eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Mediziner weisen darauf hin, dass es sich um Notfall-Verhütung handelt, die nicht vor Geschlechtskrankheiten schützt.


Nachdem die EU-Kommission im Mai die Marktzulassung für EllaOne gegeben hat, soll sie laut Hersteller ab Oktober in Deutschland, Frankreich und Großbritannien ausgegeben werden und ab 2010 auch in anderen europäischen Ländern. Mit dieser neuen "Pille für länger danach" hofft der Hersteller auf einen Coup, wie er ihn vor zehn Jahren mit der ersten "Pille danach" namens NorLevo landete, die jedoch nur zwei Tage lang empfängnisverhütend wirkt.

Kosten: 30 bis 50 Euro

Doch so winzig die weiße Tablette auch daherkommt, so umstritten ist sie. Denn sie wirft die Frage nach dem Recht auf Leben auch einer befruchteten Eizelle auf - und zugleich die Frage nach dem Recht von Frauen, in ihnen heranwachsendes Leben zu beenden. Die Fürsprecher von EllaOne in Frankreich erhoffen sich weniger Schwangerschaftsabbrüche, befürchten aber eine abschreckende Wirkung durch den hohen Verkaufspreis von 30 bis 50 Euro sowie durch die Ausgabe nur nach Rezept. Denn die "Pille danach" gibt es in Frankreich - anders als in Österreich oder Deutschland - für Minderjährige gratis und (wie unter anderem auch in Großbritannien, Skandinavien und den USA) rezeptfrei in Apotheken. Auch Pflegehelferinnen in Schulen dürfen sie ausgeben und fordern nun dieselben Regeln für die "Pille für länger danach".

Offiziellen Angaben zufolge entscheiden sich jährlich rund 210.000 Französinnen für einen Schwangerschaftsabbruch. In Deutschland hat das Statistische Bundesamt 2008 rund 114.500 Abtreibungen gezählt, in Österreich gibt es keine Statistik.

Gegner der "Pille danach" argumentieren, dass die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche unter Minderjährigen ohnehin steigt: "Sie ist eine weitere Etappe in der Banalisierung der Abtreibung ", sagt der Arzt Xavier Mirabel vom "Bündnis für das Recht auf Leben". Dennoch hat in Frankreich Abtreibung eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz. Bereits 1988 wurde hier die Abtreibungspille RU 486 zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch eingeführt - in Österreich passierte das erst 2000, in Deutschland 1999 und in Italien und Spanien heuer. Einen Anteil daran hat ein 1971 veröffentlichtes "Manifest der 343", in dem 343 berühmte Frauen - darunter Simone de Beauvoir, Catherine Deneuve und Jeanne Moreau - öffentlich zu ihrer Abtreibung standen.