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Neue Präsidentin, neuer Kurs

Von Rainer Dormels

Gastkommentare
Rainer Dormels ist Professor für Koreanologie an der Universität Wien. Er verbrachte mehr als sechs Jahre zu Studien- und Forschungszwecken in Korea und hat mit einer Schrift zu politischer Kultur und Ministerrekrutierung in Südkorea habilitiert.

Park Geun-hye verdankt ihren Wahlsieg vermutlich vor allem den älteren Südkoreanern und der angekündigten Annäherung an Nordkorea.


Mit dem knappen Wahlsieg für Park Geun-hye, die Tochter des ehemaligen Präsidenten Park Chung-hee, der zwischen 1961 und 1979 Südkorea mithilfe diktatorischer Maßnahmen regierte, hatte man gerechnet. Was aber verwundert, ist die Tatsache, dass ihr Sieg trotz einer mit 75,8 Prozent hohen Wahlbeteiligung zustande gekommen ist. Man ging eher davon aus, dass eine Wahlbeteiligung von mehr 70 Prozent bedeuten würde, dass viele junge Menschen zur Wahl gehen, die eher den Kandidaten der als liberal oder progressiv eingeschätzten Oppositionspartei, Moon Jae-in, wählen würden. Dass es diesmal anders gekommen ist, liegt wohl daran, dass das liberale und das konservative Lager mit jeweils nur einem Kandidaten angetreten sind. Es kam so zu einer Polarisierung, die dazu führte, dass wesentlich mehr 50- bis 70-Jährigen zur Wahl gingen als früher. Wahrscheinlich befürchteten sie, dass allzu große politische Veränderungen sich negativ auf ihren Lebensstandard auswirken könnten. Wichtigstes Thema des eher inhaltsleeren Wahlkampfes war für weite Teile der Bevölkerung die Überwindung der schwierigen wirtschaftlichen Situation. Hier war es wohl Nostalgie, die von einem Wirtschaftswachstum wie zur Regierungszeit von Park Chung-hee träumen ließ. In Wirtschaftsfragen gelang es der Tochter, auch soziale Gerechtigkeit zu thematisieren und sich so den Wahlkampfversprechen des Oppositionskandidaten anzunähern. Auch in der strittigen Frage des Verhältnisses zu Nordkorea erwies sich Park als flexibler. Auch wenn die Sonnenscheinpolitik bei vielen Südkoreanern in Verruf gekommen ist, so fiel die Kehrtwende des scheidenden Präsidenten Lee Myung-bak vielen zu radikal aus. Sieht man von Kontakten im Zusammenhang mit der Industrieregion Kaesong ab, so gingen die gegenseitigen Besuche zwischen Süd- und Nordkorea von 47.467 im Jahr 2005 auf 1626 im Jahr 2011 zurück. Während Moon im Wahlkampf praktisch einer Renaissance der Sonnenscheinpolitik das Wort redete, war Park hier diplomatischer und kündigte an, sich stärker als Lee mit Nordkorea engagieren zu wollen. Das Wahlergebnis zeigt aber auch, dass das Wahlverhalten der Südkoreaner noch immer sehr regionalistisch ausgeprägt ist. In den Südwestprovinzen votierten jeweils mehr als 85 Prozent der Wähler für Moon, im Südosten erreichte Park in allen Provinzen und provinzfreien Städten mindestens 59 Prozent. Auch in allen anderen Regionen außer der Hauptstadt Seoul, in der viele Übersiedler aus dem Südwesten leben, lag Park vor Moon.

Viele junge Südkoreaner hatten lange Zeit ihre Hoffnungen auf den parteilosen Professor und IT-Unternehmer Ahn Cheol-soo gesetzt, der jedoch am 23. November auf seine Kandidatur verzichtete, wodurch Moon einziger Oppositionskandidat wurde. Nun wird darüber spekuliert, ob Ahn vielleicht bei kommenden Wahlen mit einer eigenen Partei antreten wird. Dies könnte dann für weitere Bewegung in der südkoreanischen Innenpolitik sorgen. In ihrer ersten Rede nach der Wahl hat die neue Präsidentin bereits die Wichtigkeit der Aussöhnung der rivalisierenden politischen Lager betont.