Zum Hauptinhalt springen

Neuer Kolonialismus?

Von Bülent Kacan

Gastkommentare
Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat

Gastkommentar: Der Streit zwischen der Türkei und Europa - der Versuch einer Ursachenanalyse


Zum Kommentar von Isolde Charim in der "Wiener Zeitung" vom 17. März.



Richtig ist, dass der politische Einfluss der türkischen Regierung auf die Auslandstürken seit dem Wirken Recep Tayyip Erdogans zugenommen hat. Richtig ist aber auch, dass die Auslandstürken immer schon eine enge emotionale Bindung an ihr Heimatland aufwiesen. Immerhin reden wir hier von einer Einwanderung, die 60 Jahre zurückliegt und also zwangsläufig emotionale Rückbindungen an das Heimatland mit sich bringt, in dem Verwandte leben und Verbindlichkeiten bestehen, die mit einer Auswanderung nicht notwendigerweise enden müssen. Und es ist mitnichten so, dass die Auftritte des türkischen Staatspräsidenten "Rituale einer emotionalen Rückbindung", gleichsam "eine geistige Heimholung" der Auslandstürken wären, wie Isolde Charim es formuliert.

Vielmehr waren es die Brandanschläge in Mölln und Solingen der 1990er Jahre, sind es die NSU-Terrormorde zu Beginn des 21. Jahrhunderts - deren vollständige Aufarbeitung immer noch auf sich warten lässt -, ist es die seit 2001 zu beobachtende Islamfeindlichkeit in Europa, die dafür verantwortlich zeichnen, dass die Auslandstürken eine bereits bestehende emotionale Rückbindung an die Türkei intensiviert haben. Erdogan profitiert in gewisser Weise von den Verunsicherungen seiner Landsleute, die Ursachen derselben sind allerdings auf Seiten der Mehrheitsgesellschaften zu verorten.

Erdogan Vorwürfe verstärken Verunsicherungen

Dass sich der türkische Präsident diese Verunsicherungen machtpolitisch zunutze macht, steht außer Frage. In gewisser Weise verstärkt er sie, wenn er den europäischen Gesellschaften einen genuinen Rassismus unterstellt und den amtierenden Regierungen vorwirft, diese würden, wie im Fall des Auftrittsverbots für hochrangige türkische Regierungsmitglieder in den Niederlanden, Nazi-Praktiken anwenden.

Dies sind Vorwürfe, die die bereits bestehenden, gleichsam historisch gewachsenen Verunsicherungen der Auslandstürken verstärken. Hier wird keine Deeskalation von türkischer Seite betrieben, vielmehr wird hier eine kalkulierte Eskalation forciert, die in Zeiten des Postfaktischen Stimmenzuwachs garantiert.

Die entscheidende Frage ist, wieso die jetzige türkische Regierung einen derartigen Einfluss auf die im Ausland lebenden Türken ausüben kann. Eine Antwort, die vielfach unterschlagen wird: Die europäischen Mehrheitsgesellschaften nehmen die in dritter Generation lebenden Türken als nicht dazugehörig wahr, da diese ihre kulturellen Eigenschaften fortpflegen. Solange aber der Diskurs um die Zugehörigkeit des Islams zur deutschen (Leit-)Kultur unentschieden bleibt, bleibt auch die vollständige Akzeptanz der Auslandstürken in der Waage, sind diese doch in ihrer Mehrheit Muslime. Der Antiislamismus existiert nicht erst seit der Einwanderung der Türken. Vielmehr ist er, wie im Übrigen auch der Antisemitismus, integraler Bestandteil des europäischen Selbstverständnisses. Dieses hat sich lange Zeit als dezidiert christliches Abendland verstanden und beginnt erst allmählich, sich seiner jüdischen Wurzeln zu besinnen, während das Bewusstsein über seine islamischen Wurzeln weiterhin im Dämmerschlaf liegt.

Diskriminierung vonMuslimen in Europa

Solange der Diskurs der Diskriminierung von Muslimen in Europa zweitrangig bleibt, wird man auch dem Phänomen Erdogan nicht gerecht werden, man versteht es schlichtweg nicht. Zudem: Wenn der israelische Premier die in Europa lebenden Juden dazu aufruft, nach Israel ein- beziehungsweise aus Europa auszureisen, weil ein Anstieg des Antisemitismus zu beobachten sei, ist dies, folgt man Isolde Charims Argumentationslinie, gleichfalls ein transnationaler Nationalismus. Wird mit dieser Aufforderung doch zugleich die Souveränität jener Staaten in Frage gestellt, die sämtliche Staatsbürger, unabhängig von deren konfessioneller Zugehörigkeit, als gleichwertige Akteure behandeln. Oder gilt der Vorwurf des transnationalen Nationalismus allein für die türkische Regierung?

Darf Erdogan an die Auslandstürken nicht auf die zunehmenden Übergriffe gegenüber Muslimen aufmerksam machen, die insbesondere in Mitteleuropa zu verzeichnen sind? Immerhin geht es um mehr als 3500 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte allein im Jahr 2016 in Deutschland. Und wir reden hier nicht von den täglichen Berichten, die, subtil oder auch ganz unverhohlen, den Islam als Bedrohung der westlichen Gesellschaften darstellen und damit die Muslime in ihrer Gesamtheit - immerhin weltweit mehr als 1,5 Milliarden Menschen - dem Vorwurf einer Kollektivschuld aussetzen.