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Neuer Sender, neues Gesicht: "Ich bin keine Quoten-Ayse"

Von Linda Say

Politik
Ani Gülgün-Mayr. Foto: orf

Ani Gülgün-Mayr moderiert das neue Programm auf ORF3.


Wien. Sie isst gerne Germknödel, verbringt ihren Urlaub in Italien und heißt Mayr, Ani Gülgün-Mayr, um genau zu sein. Die in der Türkei geborene Österreicherin mit armenischen Wurzeln wird ORF-Sehern in Zukunft ein Begriff sein. Die 41-jährige Journalistin moderiert den neuen Sport- und Kultursender, der spätestens im September auf dem neuen Kanal ORF3 bundesweit auf den Bildschirmen flimmern wird.

Nach fünf Castings konnte die Mutter von zwei Kindern überzeugen und ihren Arbeitsplatz vor die Kameralinse verlegen. Davor gestaltete sie Sendungen wie "Heimat fremde Heimat", "Thema" und "Bürgerforum". Nach Doris Golpashin mit iranischen und Claudia Unterweger mit afrikanischen Wurzeln folgt nun Gülgün-Mayr als dritte Entdeckung mit Migrationshintergrund auf den Küniglberg. Das soll jedoch keine Rolle gespielt haben. "Meine langjährige Erfahrung beim öffentlich rechtlichen Sender waren ausschlaggebend für diesen Job. Ich bin keine Quoten-Ayse", ist die neue ORF-Frontfrau überzeugt.

"Wann hört das Migrantsein überhaupt auf?", fragt sich Gülgün-Mayr, die als Zweijährige mit ihrer Mutter aus der Türkei zum Vater zog, der in Wien als Facharbeiter tätig gewesen ist. Hier ist sie dreisprachig aufgewachsen. "Ani ist armenisch, Gülgün türkisch und Mayr oberösterreichisch", erklärt sie ihren Namen und legt großen Wert darauf, dass auch ihre Kinder einmal alle drei Sprachen beherrschen.

Ihre Mehrsprachigkeit lernte sie erst später schätzen. Die Musterschülerin musste in der vierten Klasse Volksschule für "einen fremden Bub im bunten Pullover" übersetzen, wofür sie sich schämte. Plötzlich gehörte sie nicht zu den anderen, sondern teilte das "Fremdsein" mit einem Außenseiter. "Ich kannte dieses Gefühl nicht. Heute ist es selbstverständlich, dass ich Menschen helfe, so gut ich kann", erinnert sie sich an ihre erste Identitätskrise. Dieser sollten keine weiteren folgen, denn schon bald entdeckte sie als "einziges Gastarbeiterkind in der Gegend" ihre soziale Ader. Im Verein "Echo" kam sie in Kontakt mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund und mit deren Geschichte. Das war der erste Schritt einer erfolgreichen Laufbahn.

Als Psychologiestudentin und Jugendarbeiterin war es ihr bereits ein Anliegen, die "Stimme der zweiten Generation in die Gesellschaft zu tragen". Seit sie vor sechs Jahren beim ORF landete, wird sie immer wieder für Moderationen gebucht, etwa für die Verleihung des Diversity Preises.

Ihr Grundverständnis von Journalismus hat sie beibehalten: "Wer Journalismus versteht wie ich, muss über alles berichten und darf keinen Teil der Gesellschaft ausblenden." Die Tatsache, dass Migranten hauptsächlich bei Integrationsthemen zur Sprache kommen, stößt bei Gülgün-Mayr auf Unverständnis. "Journalismus soll die Gesellschaft so widerspiegeln, wie sie tatsächlich ist. Ich bin auch kein Integrationsexperte, bloß weil ich eine türkisch-armenische Herkunft besitze."

Wenn sie nicht gerade vor der Kamera steht oder Beiträge für diverse ORF-Sendungen vorbereitet, beschäftigt sich der Leonard-Cohen-Fan mit Musik. "Ich bin nebenbei D-Jane und lege am Naschmarkt im Cafe Deli auf", strahlt sie und gerät auch bei der nächsten Lieblingsbeschäftigung ins Träumen: "Ich reise liebend gern. Die Kinder zieht es meistens nach Italien, aber ich schwärme für Istanbul."

Die "Integration" von Menschen mit Migrationshintergrund in die Medienlandschaft könnte ein positives Bild ohne Klischees schaffen. Die "Top 100 Migranten" will auch Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz ermitteln und in Schulen als "Role models" einsetzen. Diese Idee verwirklichte freilich bereits "Project X-Change". Ob Ani Gülgün-Mayr bei der für Herbst geplanten Aktion unter die Top 100 kommt, ist ungewiss. Sie freut sich bis dahin auf die "neue Herausforderung" und hofft auf hohe Einschaltquoten.