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Neuer Wettlauf um Afrikas Öl

Von Ritt Goldstein

Politik

Die Maghrebstaaten in Afrika und die Sahelzone sind plötzlich wieder ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt, als bekannt wurde, dass die El Kaida-Gruppen dieser Region für die Anschläge in Madrid verantwortlich sein könnten. Die USA brachten daraufhin ihre Besorgnis über Terrornetzwerke in Afrika zum Ausdruck. Gegner der US-Regierung unter Präsident George W. Bush sehen dahinter jedoch eine Taktik, um an neue Energieressourcen zu gelangen. Bereits im Herbst 2002 betonte der britische "Economist", dass Öl "das einzige amerikanische Interesse in Afrika ist".


Ein Jahr später warnte der anerkannte US-Sicherheitsforscher Michael Klare, Autor des Buches "Resource Wars", vor einem möglichen Eingreifen der USA in Afrika. Seiner Ansicht nach könnte der nächste Öl-Krisenherd nach dem Irak auf dem afrikanischen Kontinent liegen.

Solchen Aussagen liegt etwa ein Bericht über die Energiepolitik der USA von Vizepräsident Dick Cheney zugrunde. In diesem wird Afrika als eine der "am schnellsten wachsenden Quellen für Öl und Gas" für Amerika bezeichnet. Im Februar 2002 stellte der stellvertretende Staatssekretär der USA für afrikanische Angelegenheiten, Walter Kansteiner, fest: "Es (das Öl in Afrika, Anm.) ist für uns jetzt von nationalem strategischem Interesse." Der Bericht "Global Trends 2015" des US-Bundesnachrichtendienstes sagt voraus, dass bis 2015 ein Viertel aller US-Ölimporte aus Afrika kommen.

Besuch der Generäle

Letzten Februar besuchte eine Hand voll bedeutender US-Generäle unabhängig voneinander Afrika. Es waren keine gewöhnlichen Besuche. Unter den Militärs befand sich der Kommandant der US-Truppen in Europa, General James L. Jones, und der stellvertretende Kommandeur der US-Air Force in Europa, General Charles Wald. Abgesehen vom Horn von Afrika kontrolliert das europäische US-Kommando amerikanische Militäraktivitäten in ganz Afrika. Hintergrund der Reisen ist der steigende Druck der US-Wirtschaft und konservativer politischer Gruppen auf die Regierung, Energieressourcen außerhalb des Nahen Osten zu sichern.

Während der letzten Monate hat die USA Spezialtruppen in die Sahel-Zone geschickt (nach Mauretanien, in den Tschad, nach Mali und Niger), als Teil der sogenannten "Pan-Sahel Initiative". Dabei soll das Militär in der Region im Anti-Terror-Kampf geschult werden. Andere nennen es ein Programm zur Ausbildung einer Regionalarmee.

Die involvierten US-Spezialeinheiten operieren von Deutschland aus. Berichten zufolge ist auch die Militärkooperation zwischen den USA und Marokko, Algerien und Tunesien verstärkt worden. Die "Washington Times" titelte am 26. Februar: "US-Augen auf Terrornetzwerke und Öl in Afrika gerichtet".

Zuvor waren in Kolumbien ähnliche Anstrengungen durch die USA unternommen worden, um Streitkräfte in der Region auszubilden und so die Öl-Infrastruktur, vor allem die Pipelines, zu sichern.

GSPC kämpft im Niger

Mitte März kämpfte die Salafist Group for Preaching and Combat (GSPC), eine der Gruppen der Al Kaida, die möglicherweise auch in die Anschläge in Madrid verwickelt waren, gegen Truppen im Niger und später auch im Tschad. Die USA haben die Soldaten im Tschad angeblich mit Essen, Decken und Medikamenten versorgt. Da die Militärbasis, von der solche Aktionen ausgehen, sich in Deutschland befindet, wird klar, warum die deutschen Behörden immer wieder nach Terrorverdächtigen im eigenen Land suchen müssen.

Nach den Kämpfen im Niger und im Tschad äußerte die USA die Besorgnis, dass die GSPC versuchen könnte, die Regierungen in Mauretanien und Algerien zu stürzen.

Putschversuch in Algerien?

Die GSPC versucht schon seit langem, die Regierung in Algerien zu stürzen, um einen islamischen Staat zu errichten. Der pro-amerikanische Regierungschef Mauretaniens, Maaouyah Ould Sid Ahmed Taya, konnte im Juni 2003 einen Putschversuch vereiteln. Dieser ist jedoch nach allgemeiner Ansicht nicht von der GSPC sondern von Islamisten im mauretanischen Militär ausgegangen.

Taya selbst kam 1984 durch einen Putsch an die Macht. Wahlen in diesem Land könnte man als "suspekt" bezeichnen. Mauretanien ist auch bekannt als ein Land, in dem es die Sklaverei noch gibt, und die "Washington Times" berichtete im Juli letzen Jahres: "Taya, wie andere pro-amerikanische Führer in der arabischen Welt, hat jegliche politische und religiöse Opposition unterdrückt".

Aber Mauretanien hat Öl

Paradoxerweise wären also genau diese amerikanischen Verbündeten von der "demokratischen Welle" am stärksten betroffen, von der US-Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice hofft, dass sie über diese Länder kommt. Aber Mauretanien und Algerien haben beide Öl.

"In der Ölindustrie geht es um Spitzenprofite. Jeder strebt danach und weil der Markt das nicht wirklich reguliert, gibt es überall dort, wo die Ölindustrie hinkommt Krieg, Bestechung und Korruption", sagte der Geschäftsführer des Global Policy Forum in New York in einem Interview mit "Asia Times Online" im Jänner. Diese Sichtweise wird von vielen NGOs geteilt.

Im Jahr 2002 kündigte die Firma Chevron Texaco, in der Rice eine Direktorin war, an, dass sie in den nächsten fünf Jahren 20 Mrd. Dollar in Afrika investieren werde. (In den letzten fünf Jahren waren es nur 5 Mrd.)

USA sichern Öl-Interessen

Angesichts solcher US-Energieinvestitionen überrascht es nicht, dass "Alexander Gas & Oil Connections", ein angesehenes Mitteilungsblatt der Industrie, im Jahr 2002 titelte: "Die USA sichern ihre Ölinteressen in Afrika". Etliche Behörden wurden darin zitiert: die afrikanischen Ölreserven seien frei von jeglicher Bedrohung. Im Artikel wurde hinzugefügt, dass die Bush-Regierung alles daran setzen werde, "dass sie das auch bleiben".

Mittlerweile wurde von offizieller Seite der USA den Medien von einem Abbau der Sicherheit in Afrika berichtet. Während im Jahr 2002 die Ölfelder, so die USA, sicher und stabil waren, änderte sich diese Einschätzung fast gleichzeitig mit den Rufen nach anderen Öl-Quellen als denen im Mittleren Osten. Proportional zum Ölverbrauch steigen auch die potenziellen Gefahren durch die El Kaida in der Region.

Zynische Bemerkungen

In einer Pressekonferenz in Südafrika am 10. Juli wurde US-Außenminister Colin Powell gefragt, was er Kritikern antworten würde, die meinen, dass das neue Interesse der USA nur wegen des Öls geweckt wurde. "Wir sind nur dort, um unsere Freundschaft und unser Engagement zu beweisen und um zu sehen, ob wir Menschen in Not helfen können". Kleine Nebenbemerkung: Erst kürzlich wurde im US-Kongress die Frage gestellt, ob die Regierung zynische Bemerkungen und irreführende Phrasen in ihren Ankündigungen verwendet.

Was die "Hilfe für Leute in Not" betrifft: Die kleine westafrikanische Insel Sao Tome war immer wieder im Gespräch als Stützpunkt für eine US-Marinebasis. Wegen Sao Tomes strategischer Position im Golf von Guinea, wo vor kurzem Unterwasser-Ölfelder entdeckt wurden, trafen 2002 Bush und der damalige Präsident des Inselstaates, Fradique de Menezes, zusammen.

Die US-Alliierten in der Region verfügen praktisch über keine Marine, die auf hoher See operieren könnte. Gemeinsam mit Nigeria besitzt Sao Tome jedoch ein Gebiet, auf dem angeblich bis zu 11 Milliarden Barrel Öl gefördert werden könnten. Viele der anderen neu entdeckten Ölreserven in Afrika sind ebenfalls unter dem Meeresgrund zu finden.

"US-Experten" trainieren

Im Juli 2003, kurz nach Powells Afrika-Reise, wurde Präsident de Menezes gestürzt. (Mittlerweile wurde er durch nigerianische Intervention jedoch wieder im Amt eingesetzt.) Im März diesen Jahres begannen sogenannte "US-Experten" den Sicherheitsapparat auf der Insel zu trainieren und ihn auf die Abwehr möglicher, von der USA vorausgesagter, El Kaida-Aktivitäten in der westafrikanischen Region vorzubereiten.

Übersetzung: Barbara Ottawa