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Neuer Wirkstoff senkt Rate der Selbstmordversuche

Von Christa Karas

Wissen

Bei vielen Betroffenen setzt sie nicht erst dann ein, wenn die Tage deutlich kürzer werden, sondern etwa bereits nach dem Sommerurlaub im unveränderten Alltag: Die depressive Verstimmung, die nicht selten in einer echten Depression mündet. Psychoanalyse und -therapie sind empfehlenswerte Instrumente dagegen, doch wenn Gefahr im Verzug ist, hilft nur noch, was rasch wirkt, nämlich ein medikamentöses Anti-Depressivum. Fachärzte setzen diesbezüglich auf eine neue Substanz.


Escitalopram, so der Name der Substanz, ist ein selektiver Hemmstoff der Serotonin-Wiederaufnahme (SSRI), blockiert aber die Wiederaufnahme des Botenstoffs aus dem synaptischen Spalt zwischen den Nervenzellen stärker als viele andere SSRI. Der Grund dafür liegt in der hohen Spezifität der Substanz am Serotonin-Rezeptor. - Was bedeutet das für die Patienten?

Laut Studien und den Erfahrungen von Experten wie etwa Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper (Klinische Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH) ist Escitalopram (reg. Markenname: Cipralex) seinen Vorgängern (wie etwa Citalopram/Seropram und dessen Generika) "sowohl hinsichtlich des Wirkungseintritts als auch in der Wirksamkeit weit überlegen". Ein breiter Einsatz des Medikaments hätte, so die Fachleute, mehrere nachhaltige Effekte:

Durch die wesentlich raschere Wirksamkeit - häufig bereits nach acht Behandlungstagen - geht die Zahl der Selbstmordversuche deutlich zurück. So deutlich, dass die Mediziner daraus schließen, dass diese Zahl in Österreich um 6.000 Fälle pro Jahr gesenkt werden könnte. Dem liegt das traurige Faktum zugrunde, dass 72 Prozent der Suizidversuche innerhalb der ersten zwei Monaten nach Ausbruch einer schweren Depression verübt werden.

Sieht man vom persönlichen Leid und Leiden mit allen seinen unermeßlichen Folgen ab, so kommt noch der Kostenfaktor ins Spiel:

Mit jedem verhinderten Suizidversuch werden Kosten von durchschnittlich 4.585 Euro für das Gesundheitssystem eingespart. Bei 6.000 Versuchen weniger pro Jahr ergäbe sich so ein Einsparungspotenzial von 27,5 Mio. Euro. In dieser Berechnung finden sich auch Angaben zur Kostenersparnis durch die bessere Therapie an sich. Demnach könnten jedem Depressiven durch die Therapie mit Escitalopram pro Jahr 13 Krankheitstage erspart werden.

Dem gegenüber steht, dass die Tagestherapie mit Cipralex zwar um 30 Prozent teurer ist als mit dem Vorgänger Citalopram. Die dänische Herstellerfirma Lundbeck A/S kann indessen mit weiteren Vorteilen des Medikaments punkten, nämlich mit besseren und rascheren Heilungserfolgen, hoher Effizienz auch in der Behandlung von sozialen Phobien, der Wirksamkeit bei niedriger Dosierung sowie - jedenfalls so weit bisher bekannt und von Patienten berichtet - deutlich weniger Nebenwirkungen. Das sollte die Mehrkosten aufwiegen.