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Neuer Zwist um alten Namen

Von Martyna Czarnowska

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Während die Polen sich für Visumfreiheit für Kaliningrader einsetzen, sorgen Ideen zur Rückbenennung in Königsberg für Unmut in Moskau.


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Immanuel Kant hat es genügt. Königsberg war seine Heimatstadt, hier wollte er leben und arbeiten. Dem Ruf nach Erlangen, nach Jena, an die Akademie von Halle folgte der Philosoph nicht. Die Universität von Königsberg war es, die ihn interessierte, ebenso waren es Essen mit Freunden aus der Stadt oder die täglichen Spaziergänge, die angeblich einem so geregelten Zeitablauf folgten, dass die Nachbarn nach dem Erscheinen des Professors ihre Uhren stellen konnten. So gut wie sein gesamtes, knapp 80 Jahre währendes Leben verbrachte Kant in Königsberg, wo er 1804 starb.

Damals war es eine weltoffene, kulturell und wirtschaftlich prosperierende Stadt. Weit im Osten gelegen, war sie doch über Jahrhunderte ein geistiges Zentrum Preußens. Noch zur Zeit der Weimarer Republik, als sie vom Rest des Reiches isoliert war, erhielt sie besondere Förderungen.

1945 dann lag Königsberg in Trümmern. Sowjetische Truppen nahmen die Stadt ein, britische Verbände bombardierten sie. Der historische Stadtkern wurde vollständig zerstört; der Dom, das Schloss, das alte Speicherviertel wurden ebenfalls stark beschädigt. Keine Kirche der Innenstadt blieb unbehelligt.

Heute ist Kaliningrad wieder vom Rest des Staates abgeschnitten, zu dem es gehört. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde es zu einer russischen Exklave, eingekeilt zwischen Polen und Litauen. Doch genoss es einmal mehr einen Sonderstatus. In den 1990er Jahren wurde es für eine gewisse Zeit zu einer speziellen Wirtschaftszone, in der Unternehmer steuerliche Erleichterungen erhielten und Einwohner zu günstigen Bedingungen Gebrauchtwagen aus Europa einführen durften.

Nun soll Kaliningrad von etwas anderem profitieren. Seit einiger Zeit bemüht sich sein Nachbarland Polen um Visaerleichterungen für die Exklave jenseits der östlichen Grenze. Es gehe um ein Aufbrechen der Isolation, um mehr Kooperation unter den Nachbarn, argumentieren polnische Politiker. Doch gibt es da auch wirtschaftliche Interessen: Die ökonomisch schwachen Regionen an der Grenze erhoffen sich einen neuen Aufschwung.

Vor wenigen Wochen ist die EU-Kommission den Polen, die derzeit den EU-Vorsitz innehaben, entgegengekommen. Sie präsentierte einen Vorschlag zum sogenannten kleinen Grenzverkehr. Laut EU-Abkommen wäre dieser für Einwohner ohne Visum in einem Grenzstreifen von 30 Kilometern und in besonderen Fällen von 50 Kilometern möglich. Warschau würde am liebsten noch mehr von der Regelung umfasst sehen, nämlich die gesamte Exklave. Die Kommission sträubt sich nicht dagegen, doch den Plänen müssen auch noch die anderen EU-Staaten und das Europaparlament zustimmen.

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Immer wieder flammt in Kaliningrad die Debatte auf, ob die Stadt nicht wieder Königsberg heißen soll. Und einmal mehr löste eine Aussage über ein mögliches Referendum zur Rückbenennung heftige Reaktionen aus. Als der Kaliningrader Gouverneur Nikolai Zukanow vor wenigen Tagen erklärte, er sei nicht prinzipiell gegen eine Volksabstimmung zu dem Thema, hagelte es Proteste aus Moskau. Eine Rückkehr zum alten deutschen Namen wäre ein erster Schritt zur Abspaltung, sagte etwa der kommunistische Parlamentarier Wladimir Nikitin.

Dennoch wollen Kaliningrader Lokalpolitiker das historische Erbe nicht ungepflegt lassen. Die Stadtbehörden möchten den alten Ortskern mit seiner hanseatischen Prägung rekonstruieren. Als Vorbild soll ihnen unter anderem der Wiederaufbau Danzigs dienen. Dorthin werden sie vielleicht schon im kommenden Jahr ohne Visum reisen können.