Zum Hauptinhalt springen

Neues Impfen ohne Nadelangst?

Von Petra Tempfer

Wissen
Auf den ersten Blick ist die Nadel unsichtbar, sie tritt erst im Moment der Applikation aus der Spritze. Foto: spmsd

Nadeln nur 0,3 Millimeter dick und 1,5 Millimeter lang. | Neue Impfmethode vorerst nur bei Influenza-Impfung. | Impfung via Laser oder Heliumgas noch in Erprobung. | Wien. Für Nadeltraumatisierte und Impfphobiker bricht mit diesem Herbst eine neue Ära an. Gehört doch ab Oktober die lange Spritzennadel als alleinige Injektionsmethode der Vergangenheit an. Erstmals wird in Österreich mit extrem kurzen und dünnen Mikronadeln geimpft, die mit 1,5 Millimetern Länge etwa zehnmal kürzer als herkömmliche Impfkanülen sind. Letztere sind außerdem rund dreimal so dick wie die Mikronadeln, deren Außendurchmesser lediglich 0,3 Millimeter beträgt.


Auf den ersten Blick ist die Nadel sogar unsichtbar: Sie ist in die Spritzenspitze eingesenkt und tritt erst im Moment der Applikation heraus. Weitere Forschungen zu anderen Alternativmethoden laufen, um in naher Zukunft die mitunter gefürchtete Spritze zunehmend ersetzen zu können.

Solche Alternativen wären speziell für Kinder, die häufig unter Nadelangst leiden, hilfreich. Und dennoch dürfen derzeit nur Über-18-Jährige nach der neuen, nahezu schmerzlosen Methode mit Mikronadeln geimpft werden, bei der allerdings die Impfstelle stärker gerötet sein kann. "Die Studienergebnisse für die Anwendung bei Kindern sind noch ausständig", erklärte Wilhelm Sedlak, Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer, am Dienstag vor Journalisten. Die Forschungen seien jedoch im Gange. In Italien und Belgien wurden die unsichtbaren Nadeln schon im Vorjahr zugelassen, werden aber zurzeit auch nur bei Erwachsenen verwendet.

Außerdem soll die Mikronadel-Injektion zunächst ausschließlich bei der Grippeschutzimpfung angewendet werden. Laut Sedlak ist geplant, künftig auch andere Impfstoffe mit der kurzen dünnen Nadel zu injizieren, die generell in den Oberarm eingeführt wird.

Intradermale Injektion

"Allerdings können nicht alle Impfstoffe intradermal - also in die Haut hinein - injiziert werden", räumt Sedlak gegenüber der "Wiener Zeitung" ein. Doch gerade diese neue Art der Verabreichung erziele eine höhere Immunität. Der Dermatologe Rainer Kunstfeld präzisiert: "Speziell die Haut als Schutzhülle bildet die erste Verteidigungslinie gegen Eindringlinge. Sobald Bakterien, Viren oder auch Impfstoffe aufgenommen werden, werden in der Haut unverzüglich Abwehrzellen aktiviert, und deren Expansion beginnt." Somit müsse der Körper bei der intradermalen Impfung die Abwehr nicht erst langsam aufbauen - das Immunsystem schlage vielmehr sofort zu.

Dennoch wird man etwa bei der Zeckenimpfung weiterhin zur langen Nadel greifen müssen: Die Immunisierung wird hier nämlich über Totimpfstoffe, die abgetötete Erreger beinhalten, hervorgerufen, die jedoch bis in die Muskulatur gelangen müssen, um wirken zu können. Daher wird hier intramuskulär mit bis zu 2,5 Zentimeter langen Nadeln geimpft. Lebendimpfstoffe, die aus geringen Mengen funktionsfähiger Keime bestehen und etwa gegen Masern oder Mumps injiziert werden, müssen wiederum unter die Haut gelangen und werden subkutan geimpft.

Gegen Rotaviren wird zwar ebenfalls mit Lebendimpfstoffen vorgegangen - diese werden jedoch nadelfrei über eine Schluckimpfung als weitere, altbewährte Alternativmethode zur Spritze eingenommen. Auch eine nasale Einnahme der Impfstoffe ist als Pendant möglich. "In den USA sind sogar intranasale Influenza-Impfstoffe häufig, die speziell dafür gezüchtet werden", berichtet Herwig Kollaritsch vom Institut für Tropenmedizin der MedUni Wien der "Wiener Zeitung". In Österreich seien diese allerdings nicht zugelassen.

Teure Alternativen

In Erprobung seien weitere nadelfreie Methoden, bei denen der Impfstoff über eine Trägersubstanz in die Haut gelangt. "Eine Möglichkeit ist etwa, dass die Haut vorher mit einer Art Schmirgelpapier aufgeraut wird, damit der Träger mitsamt Impfstoff eindringen kann", so Kollaritsch. Weiters könne dieser über Laser eingebracht werden. Falls Heliumgas als Träger verwendet werde, werde dieses mit Hochdruck unter die Haut geschossen, woran laut Kollaritsch ebenfalls gerade geforscht wird.

Im Gegensatz zur Mikronadel-Injektion, bei der der gleiche Impfstoff wie bei der herkömmlichen Spritze verwendet wird, sind diese Alternativen jedoch enorm aufwendig, wie Kollaritsch betont. Vor allem die Träger seien oft so teuer, dass sie den Preis für den Impfstoff in die Höhe schnellen ließen und sich dieser mitunter verdopple. "Dadurch sind sie schwer reproduzierbar, was bis dato ihr größter Nachteil ist", fährt er fort. Die Tendenz gehe dennoch eindeutig in die Richtung, von der langen Nadel wegzukommen.